Aktionstag

Gedimmtes Licht und Ruhe beim Einkauf: Wiesbaden baut die „Stille Stunde“ für unsichtbare Behinderungen aus

Grelles Licht, laute Musik und ständige Hektik. Was für viele zum normalen Stadtalltag gehört, bedeutet für Menschen mit Autismus, chronischen Erkrankungen oder sensorischen Überempfindlichkeiten oft den Rückzug aus dem öffentlichen Leben. Am 20. Oktober rückt der bundesweite „Tag der Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen“ diese Herausforderungen in den Fokus. Die Landeshauptstadt Wiesbaden reagiert mit konkreten Angeboten. Das Erfolgsmodell der „Stillen Stunde“ wächst weiter – mit der Telekom-Filiale in der Fußgängerzone und Decathlon im Äppelallee-Center beteiligen sich neue Partner am reizarmen Einkaufen.

Von: |Erschienen am: 16. Oktober 2026 16:22|

Symbolfoto: Logo

Barrierefreiheit wird häufig mit Rampen, Aufzügen oder taktischen Bodenleitsystemen für Rollstühle und Sehbehinderte verbunden. Doch unzählige Barrieren sind für Außenstehende völlig unsichtbar: Am Dienstag, 20. Oktober, macht der bundesweite Aktionstag der Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen auf jene Bürgerinnen und Bürger aufmerksam, deren Beeinträchtigung sich nicht auf den ersten Blick erschließt.

Menschen im Autismus-Spektrum, Personen mit kognitiven oder psychischen Beeinträchtigungen, chronischen Schmerzen, Gehörlose oder Menschen mit ausgeprägter sensorischer Sensibilität stoßen täglich auf unsichtbare Hürden: Intensive Beleuchtung, laute Hintergrundbeschallung, Kassengepiepe und Gedränge überfordern die Sinne rasch. Fehlen zudem Angebote in Gebärdensprache oder Einfacher Sprache, wird die Teilhabe am Alltag massiv erschwert – viele Betroffene meiden Geschäfte und Freizeitaktivitäten daher ganz.

Was ist die „Stille Stunde“? Neue Geschäfte schließen sich an

Gemeinsam mit den regionalen Interessenvertretungen geht Wiesbaden diesen Reizüberflutungen aktiv entgegen. Mit der „Stillen Stunde“ wird in teilnehmenden Einrichtungen zu festen Zeiten der Trubel bewusst heruntergefahren:

  • Weniger Sinnesreize: Beleuchtung wird abgedunkelt, Musik und Durchsagen entfallen, Kassenwarntöne werden leiser gestellt.

  • Mehr Verständnis: Mitarbeitende werden sensibilisiert, um entspannte Abläufe ohne Zeitdruck und Drängen zu ermöglichen.

Das Netzwerk in der Landeshauptstadt wächst kontinuierlich: Als neue Partner der Stillen Stunde begrüßt die Stadt nun die Telekom-Filiale in der Fußgängerzone sowie den Sportartikel-Filialisten Decathlon im Biebricher Äppelallee-Center.

Stimmen aus der Praxis: „Es gibt uns, auch wenn man es nicht sieht“

Daniela Hill, Mitglied des Expertenrats der Landeshauptstadt Wiesbaden, unterstreicht die Notwendigkeit des Aktionstags. „Der 20. Oktober ist wichtig, um zu zeigen, dass es uns gibt, dass wir da sind – auch wenn man unsere Behinderung nicht sieht. Jeder Mensch kann davon betroffen sein. Die Stille Stunde ist für uns eine große Erleichterung, denn sie ermöglicht durch Reizarmut und Verständnis die Teilhabe am öffentlichen Leben“, erklärt Hill.

Auch Barbara Knobloch, Vorsitzende des Arbeitskreises Inklusion und Barrierefreiheit, fordert ein generelles Umdenken in Gesellschaft und Einzelhandel: „Barrieren abzubauen bedeutet, die Bedürfnisse der Menschen ernst zu nehmen – unabhängig davon, ob eine Behinderung sichtbar ist. Auch der Einsatz von Gebärdensprache und Einfacher Sprache ist eine wichtige Forderung von uns, um Menschen Teilhabe zu ermöglichen.“

Niemand sollte sich erst rechtfertigen oder sensible Diagnosen offenlegen müssen, um in Ruhe alltägliche Besorgungen zu erledigen.

Hintergrund zum Aktionstag am 20. Oktober

Der bundesweite Aktionstag wurde vom Verein gemeinsam zusammen e.V. initiiert und findet 2026 zum dritten Mal statt. Er sensibilisiert dafür, dass echte Inklusion sensorische, psychische und kommunikative Barrieren genauso ernst nehmen muss wie bauliche Hindernisse.

Eine vollständige Liste aller teilnehmenden Geschäfte, Praxen und Institutionen sowie deren konkrete Zeitfenster der „Stillen Stunde“ in Wiesbaden finden Interessierte auf www.wiesbaden.de/stille-stunde.

Für Rückfragen, Feedback oder Betriebe, die sich der Initiative anschließen möchten, steht die Kommunale Inklusionsbeauftragte der Landeshauptstadt Wiesbaden, Andrea Hausy, per E-Mail unter inklusionsbeauftragte@wiesbaden.de zur Verfügung.

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