Fußball

SVWW-Trainer Jochen Seitz: „Alle drei Punkte wären das schönste Geschenk“

Jochen Seitz feiert am Sonntag beim FC Ingolstadt 04 sein Pflichtspieldebüt als Trainer des SV Wehen Wiesbaden und das ausgerechnet an seinem 50. Geburtstag. Im Interview spricht der neue SVWW-Coach über seine ersten Wochen auf dem Halberg, die Arbeitsteilung in seinem Trainerteam und darüber, warum ein bisschen Druck nicht schaden muss.

Von: |Erschienen am: 9. Oktober 2026 09:00|

Foto: SVWW

Seit gut zwei Wochen ist Jochen Seitz im Amt. Die dreiwöchige Länderspielpause kam dem neuen Cheftrainer des Drittligisten gelegen: Nach der Niederlage gegen Duisburg zum Abschluss einer englischen Woche, bei dem SV Wehen Wiesbaden Kapitän Tarik Gözüsirin zudem Rot sah, konnte er der Mannschaft in Ruhe neue Abläufe beibringen. Am kommenden Sonntag folgt der erste Ernstfall beim FC Ingolstadt 04. Wiesbadenaktuell hat mit Seitz am Donnerstagnachmittag nach dem Training auf dem Halberg in Taunusstein-Wehen gesprochen.

Wiesbadenaktuell: Herr Seitz, Sie waren drei Monate raus aus dem Geschäft, dann ging plötzlich alles ganz schnell. Wie haben Sie die ersten Wochen auf dem Halberg erlebt?

Jochen Seitz: Sehr positiv. Die Vorgespräche habe ich hauptsächlich mit Tobias Keller und Uwe Stöver geführt, später ist dann Markus Hankammer noch dazugekommen. Ich habe vorgestellt, wie ich mir Fußball vorstelle, und ich glaube, da sind wir ganz gut übereingekommen. Der SV Wehen Wiesbaden ist ein sehr familiärer Verein. Das kommt mir entgegen, weil ich selbst eher ein bodenständiger Typ bin. Insofern bin ich gleich gut zurechtgekommen. Auch im Team und mit den Co-Trainern habe ich gleich eine gute Verbindung gefunden.

Noch pendeln Sie aus Aschaffenburg nach Wiesbaden und Taunusstein

Ja, ich suche eine Wohnung in Wiesbaden, aber das ist nicht ganz so einfach. Meine Frau kümmert sich intensiv darum, und vom Verein hilft uns jemand, der mit Maklern zusammenarbeitet. Das Pendeln ist nicht dramatisch: Es sind hundert Kilometer, bei Frankfurt staut es sich ab und zu, aber nach einer Stunde, einer Stunde und 15 Minuten bin ich hier. Trotzdem will ich eine Wohnung haben, um die Region näher kennenzulernen und mein neues Umfeld aufzusaugen.

Auf dem Halberg wird gerade gebaut, der Rasenplatz bekommt eine Rasenheizung. Schränkt das die Trainingsarbeit ein?

Wir haben derzeit nur den unteren Platz zur Verfügung, aber der ist in einem sehr guten Zustand. Die beiden Kunstrasenplätze werden nach und nach modernisiert und in den kommenden Wochen kommt dann noch der obere Platz mit Hybridrasen und Rasenheizung dazu. Über die Trainingsbedingungen kann ich mich bei Weitem nicht beschweren.

Nach der Niederlage gegen Duisburg und der Roten Karte für Kapitän Gözüsirin war die Stimmung gedrückt. Wie sind Sie auf die Mannschaft zugegangen?

Es war gut, dass wir mit der Länderspielpause einen Schnitt machen und uns drei Wochen auf das nächste Spiel vorbereiten konnten. Ich glaube, jeder Spieler sieht das auch als Chance für einen Neuanfang. Wir haben erst sieben Spiele absolviert, da liegen noch viele vor uns. Es gilt jetzt, nicht so sehr zurückzublicken, sondern Positivität reinzubringen. Die Situation ist nicht einfach, aber sie ist auch nicht so kompliziert, dass wir uns irgendwo vergraben müssten. Wir wollen mit positiver Stimmung und Aktivität ins nächste Spiel gehen.

Haben Sie mit jedem Spieler einzeln gesprochen?

Es gab viele Gespräche, mit dem Mannschaftsrat und mit dem Kapitän. Mit allen Spielern konnte ich aufgrund der kurzen Zeit und der Größe des Kaders noch nicht sprechen. Die meisten haben aber eine grobe Rückmeldung bekommen, worauf es für sie in meinen Augen ankommt. In den nächsten zwei, drei Wochen werde ich mit jedem Spieler ein Einzelgespräch führen. Mir ist wichtig, klar zu kommunizieren, was ich von ihm erwarte, aber auch zu hören, wie das, was ich vorgebe, ankommt. Am Ende stehen die Spieler auf dem Platz, sie müssen sich wohlfühlen und Leistung bringen. Es nützt nichts, wenn man als Trainer sagt, jetzt wird’s so gemacht, wie ich das will, und die Spieler sind nicht dabei. Man muss sie mitnehmen.

Mit Nico Wegmann haben Sie einen eigenen Co-Trainer mitgebracht, Frank Steinmetz und Guiliano Modica sind geblieben. Wie ist die Arbeit verteilt?

Wir haben uns relativ schnell aufgeteilt und mit unserem Spielanalyst Phil Weimer auch noch jemanden, der viel Vorarbeit leistet. Für die Analyse unseres eigenen Spiels sind Nico Wegmann und ich zuständig. Guiliano Modica kümmert sich in Verbindung mit mir und Phil um die Gegneranalyse. Frank Steinmetz ist für die Standards zuständig und übernimmt viele Aufgaben in der Organisation und Trainingsgestaltung. So hat jeder einen festen Themenbereich, auf den er sich spezialisieren kann.

Was für ein Trainer sind Sie an der Seitenlinie: eher Antreiber oder Analytiker?

Ich bin keiner, der 90 Minuten auf der Bank sitzt, das Spiel analysiert und nichts reinruft. Ich stehe vorne an der Linie und pushe die Jungs. Wir haben nicht die Vielzahl an lautstarken Charakteren. Da ist es wichtig, dass man als Trainer Emotionen reinbringt. Ich werde aber auch nicht 90 Minuten draußen rumbrüllen. Eine gewisse Balance ist gut: einen analytischen Blick haben, aber auch mit Emotionen dabei sein und die Jungs anfeuern.

Im Testspiel gegen einen Zweitligisten stand die Defensive schon stabiler, offensiv lief es noch nicht rund. Wo lagen die Schwerpunkte in der Vorbereitung?

In den ersten zwei Wochen ganz klar bei der Defensive, also wie wir gegen den Ball spielen wollen. In dieser Woche ging es eher darum, wie wir mit Ball spielen, damit wir eine gute Struktur haben. Abgeschlossen ist das noch nicht, es hängt auch immer vom Gegner ab. Gegen eine Dreierkette gibt es andere Räume zu bespielen als gegen eine Viererkette. Wichtig ist erst mal, dass die Defensive stabil steht. Wenn wir zu null spielen, haben wir schon einen Punkt. Das ist das Hauptziel.

Und nach vorne?

Da haben wir genügend Qualität, um Tore zu schießen. Wir müssen aber vor allem an der Chancenverwertung arbeiten. Damit waren wir beim Testspiel nicht zufrieden: Wir hatten fünf, sechs hundertprozentige Möglichkeiten und haben nur ein Tor gemacht. Wenn wir das verbessern, bin ich guter Dinge, dass wir auch schnell Siege einfahren.

Am Sonntag kommt in Ingolstadt einiges zusammen: Pflichtspieldebüt in der Profiliga und runder Geburtstag. Wie groß ist die Anspannung?

Erst einmal ist da Vorfreude. Dass man am Spieltag Anspannung spürt, ist normal, so soll es bei den Spielern auch sein. Wenn einer vorm Spiel durch die Gänge tanzt, ist das wahrscheinlich auch nicht das Richtige. Wir wollen der Mannschaft eine gewisse Lockerheit und ein gesundes Selbstbewusstsein vermitteln. Wir sind gut vorbereitet und müssen es am Spieltag abrufen. Aber ohne Druck und ohne Anspannung kann man keine hundertprozentige Leistung bringen.

Die Tabellensituation macht es nicht leichter.

Steht man irgendwo im Mittelfeld, würde man sagen: Wenn wir verlieren, ist es nicht so dramatisch, wenn wir gewinnen, ist es super. In unserer Situation herrscht natürlich eine gewisse Anspannung. Das ist gar nicht verkehrt, wir müssen nur gut damit umgehen. Die Jungs müssen positiv bleiben, dürfen ihre Lockerheit nicht verlieren und müssen Selbstbewusstsein ausstrahlen. Wir haben im Training gut gearbeitet, daraus müssen sie Selbstvertrauen ziehen.

Zum Schluss: Was wäre das schönste Geburtstagsgeschenk?

Das ist relativ einfach: alle drei Punkte. Es wäre super, wenn die Mannschaft das nicht nur mir als Geschenk macht, sondern sich auch selbst belohnt. Wir werden am Sonntag einen harten Kampf liefern, und bestenfalls fahren wir mit drei Punkten nach Hause. Wenn wir gut spielen und am Ende einen Punkt holen, dann nehmen wir den natürlich auch mit. Aber irgendwas Zählbares wollen wir schon mit nach Hause nehmen.

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