Straßenkarneval

77 Jahre DACHO – Jubiläumsumzug begeistert Hunderttausende in Wiesbaden

Wiesbaden hat am Sonntag gezeigt, warum die Fastnacht hier zu den größten Volksfesten der Region zählt. Zum 77‑jährigen Jubiläum der DACHO zog ein 180 Nummern starker Lindwurm durch die Innenstadt und verwandelte die Stadt in ein buntes, lautes und fröhliches Ausnahmegebiet. Über 350.000 Menschen trotzten der Kälte und feierten ein närrisches Spektakel, das dem besonderen Jubiläum mehr als gerecht wurde.

Von: |Erschienen am: 15. Februar 2026 21:18|

Fotos: Daniel Becker, Joshua Ziß

Die Wiesbadener Fastnacht hat am Sonntag ihren großen Höhepunkt erlebt: Zum 77‑jährigen Jubiläum der DACHO schlängelte sich ein farbenfroher Lindwurm mit 180 Zugnummern stundenlang durch die Innenstadt. Bei kalten, aber trockenen Bedingungen feierten über 350.000 ein närrisches Spektakel, das dem besonderen Jubiläum mehr als gerecht wurde.

Stimmungsvoller Start am RMCC

Pünktlich um 12:11 Uhr setzte sich der Jubiläumsumzug „Sieben Mal elf Jahre“ an der Friedrich‑Ebert‑Allee in Bewegung. Bereits am Vormittag hatten sich die Gruppen entlang des RMCC gesammelt. Nach rund 200 Metern musste der Zug jedoch noch einmal stoppen – der Zufahrtsschutz war noch nicht vollständig aktiviert. Dadurch verzögerte sich der Ablauf um rund eine halbe Stunde. Weiterhin hatte der DACHO-Ehrenritter-Wagen ein technisches Problem, so dass sich die Aktiven auf die DACHO-Fahrzeuge verteilten.

Bis etwa 17:30 Uhr erreichte die letzte Zugnummer wieder den Ausgangspunkt. Auf dem Schlossplatz herrschte schon früh ausgelassene Stimmung: Stefan Persch und Ruth Lauterbach führten durch das Programm, begleitet von Musik, Live‑Acts sowie zahlreichen Essens- und Getränkeständen. Wiesbadens Oberbürgermeister Gert‑Uwe Mende fuhr zunächst auf dem Wagen von facettenwerk (Behindertenhilfe) mit und kommentierte später am Schlossplatz. Viele Besucher nutzten den Platz als zentralen Treffpunkt, um den Zug vorbeiziehen zu sehen.

Die Route durch die Innenstadt

Der Jubiläumszug führte mitten durch die City: Von der Friedrich‑Ebert‑Allee über Wilhelmstraße, Taunusstraße und Georg‑August‑Zinn‑Straße zum Kranzplatz, weiter durch Langgasse, Webergasse und An den Quellen. Besonders gut besucht war die Wilhelmstraße, während Taunusstraße, Webergasse und Burgstraße in diesem Jahr etwas weniger Zulauf hatten. Ein Hotspot blieb der Schlossplatz mit der Ehrentribüne am Rathaus.

Der Rückweg führte über Friedrichstraße, Schwalbacher Straße, Bleichstraße, Bismarckring, Kaiser‑Friedrich‑Ring und Rheinstraße zurück zum RMCC. Entlang der Strecke sorgten mehrere Sprecherstellen für Moderation und Hintergrundinformationen.

Bunter Mix aus Garden, Musik und Motivwagen

Der Jubiläumszug präsentierte sich so vielfältig wie selten zuvor. Neben klassischen Garden sorgten zahlreiche Musik- und Guggemusikgruppen für Stimmung. Kitas, Schulen und Gastvereine aus Wiesbaden und dem Umland verstärkten die Narrenschar. Insgesamt vier Motivwagen setzten pointierte Akzente:

„Bundesempörungsministerium“ – die „Woke‑Walze“

Der Wagen thematisiert politische Korrektheit und Sprachregulierung. Eine überdimensionierte Dampfwalze, die einen Narren plattmacht, steht für eine Empörungskultur, in der viele Selbstständige und Kreative Angst vor dem digitalen Pranger haben. Die Botschaft: mehr Gelassenheit, weniger moralische Überhitzung.

„Wiesbaden derzeit bis auf Weiteres wegen Bauarbeiten geschlossen“

Mit Ironie nimmt der Wagen die Vielzahl an Baustellen aufs Korn. Wiesbaden erscheint als Stadt, die durch Bauarbeiten kaum noch erreichbar ist – ein humorvoller Kommentar zur Verkehrssituation.

„Solidarität mit dem Wagenbauer“

Der Wagen zeigt Unterstützung für den Düsseldorfer Wagenbauer Jacques Tilly, der in Russland verklagt wurde, nachdem er Putin kritisiert hatte. Ihm drohen theoretisch bis zu zehn Jahre Haft, sollte er russischen Boden betreten. Das Motiv karikiert das Vorgehen Moskaus – pointiert als „der kleine Napf pinkelt dem großen Russen ans Bein“.

„Die neue Samstagabendshow – Los Max, du musst!“

Dieser Wagen widmet sich der Debatte um die Wehrpflicht. Statt eines ursprünglich geplanten Trump‑Motivs entschied sich die DACHO für eine satirische „Wehrpflichtverlosung“ im Stil einer Samstagabendshow. Das Format wird als TV‑Event von „Hessen Lotto“ inszeniert, die den Wagen auch sponsern.

„Gans am End“ statt „Zugente“

Wegen markenrechtlicher Vorgaben aus Mainz musste die „Zugente“ umbenannt werden. Wagenbauer Mario Kollozeike fand die Lösung: „Das ist doch eine Gans!“ Da Enten gelb und Gänse weiß sind, wurde aus der Zugente kurzerhand die „Gans am Ende“. Wiesbaden ist damit bundesweit der einzige Umzug mit einer Gans als Schlussfigur.

Kreative Kostüme

Von Freiheitsstatue über „No ICE“ bis Donald Trump sowie Storchennest mit Störchen – die Kostüme waren erneut vielfältig. Zwei Frauen traten als brasilianische Ananas auf, viele Gruppen hatten ihre Outfits liebevoll selbst gebastelt.

Leichter Schneefall zu Beginn

DACHO‑Vorsitzender Simon Rottloff zeigte sich hochzufrieden und sprach von einem „glorreichen Gott Jokus“, der Wiesbaden trotz kurzem Schneefall wohlgesonnen gewesen sei. Rund 350.000 Zuschauer und 5.200 Aktive verfolgten den Zug, unterstützt von 70 Kräften der ELW sowie 50 weiteren Helfern für die Absperrgitter. 111 Sanitäterinnen und Sanitäter sowie Feuerwehrkräfte waren zusätzlich im Einsatz, um für die Sicherheit und mögliche Notfälle bereitzustehen. Bis zum frühen Abend gab es 34 Einsätze (Stand 19:00 Uhr).

Verspäteter Start wegen fehlendem Zufahrtsschutz

Die Verzögerung von 27 Minuten sei ausschließlich auf den noch nicht vollständig aktivierten Zufahrtsschutz zurückzuführen gewesen. Die Polizei ließ das Führungsfahrzeug erst weiterfahren, nachdem alle Sicherheitsfreigaben vorlagen. Ein sicherheitsrelevanter Vorfall lag nicht vor.

Ruhige Einsatzlage

Einsatztechnisch sprach Rottloff von einer „verhältnismäßig ruhigen Lage“. Es gab einzelne Vorfälle wie Körperverletzungen oder sexuelle Nötigungen, jedoch keine außergewöhnlichen Ereignisse. Das Sicherheitskonzept habe gut funktioniert, Rettungskräfte konnten jederzeit passieren.

Ausgelassene Stimmung und kaltes, aber freundliches Wetter

Die Stimmung war ausgelassen, besonders auf dem Schlossplatz. Zwei Guggenmusiken – darunter eine aus der Partnerstadt Glarus – sorgten zusätzlich für Stimmung. Beim Wurfmaterial habe sich die Menge nicht verändert, allerdings würden große Kindergruppen an bestimmten Stellen besonders viel abbekommen.

Bei rund drei Grad blieb es trocken – ideale Bedingungen, damit Kamelle und Kostüme unversehrt blieben.

P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von Wiesbadenaktuell.de und folgen Sie uns auch auf Instagram sowie auf Threads!