Verkehrswende

Autonom unterwegs: Rhein-Main startet neue Testphase für fahrerlosen ÖPNV

Der öffentliche Nahverkehr im Rhein-Main-Gebiet macht den nächsten Schritt Richtung Zukunft: Mit KIRA+ sollen autonome Fahrzeuge im regulären Betrieb erprobt werden. Welche Rolle dabei ein neues barrierefreies Fahrzeug spielt und wann die ersten Fahrten starten, steht bereits fest. Wiesbaden ist zunächst nicht als Testgebiet vorgesehen.

Von: |Erschienen am: 24. September 2026 20:27|

Foto: HOLON/RMV

Das Rhein-Main-Gebiet geht beim autonomen Fahren im öffentlichen Nahverkehr den nächsten Schritt. Der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV), die Deutsche Bahn (DB) und HOLON haben mit KIRA+ ein neues Projekt gestartet, das den Einsatz selbstfahrender Fahrzeuge im ÖPNV erproben und langfristig weiterentwickeln soll.

Aktuell laufen die Vorbereitungen für den späteren Testbetrieb. Im Laufe des Jahres 2027 sollen zunächst erste Fahrten zum Einlesen der vorgesehenen Gebiete stattfinden. Die Erprobungen sind in Teilen Darmstadts sowie des Kreises Offenbach geplant. Beteiligt sind dort die lokalen Projektpartner HEAG mobilo und die Kreisverkehrsgesellschaft Offenbach.

ÖPNV der Zukunft

Prof. Knut Ringat, Vorsitzender der RMV-Geschäftsführung, erklärt die Zielsetzung des Vorhabens: „Mit KIRA+ knüpfen wir an die bisher gesammelten Erfahrungen zum autonomen Fahren an und erproben die weiterentwickelte Technologie in Fahrzeugen, die für den Einsatz im ÖPNV entwickelt wurden.

Wir kommen damit der von uns anvisierten Modellregion im RMV einen entscheidenden Schritt näher. Das Ziel ist es, in naher Zukunft autonome Angebote in den regulären ÖPNV zu integrieren. Denn fahrerlose Verkehre bieten die große Chance, mit entsprechender politischer Unterstützung auch künftig überall und zu jeder Zeit einen attraktiven und finanzierbaren ÖPNV anzubieten.“

Anforderungen an den Betrieb

Auch die Deutsche Bahn sieht in dem Projekt einen Ansatz, autonome Mobilität stärker mit dem öffentlichen Nahverkehr zu verbinden. Harmen van Zijderveld, Vorstandsvorsitzender der DB Regio AG, sagt: „Das Autonome Fahren bietet die Chance auf ein schnelleres, günstigeres und digitales Mobilitätsangebot. Damit wir am Ende aber nicht einfach nur noch mehr Autos auf den Straßen haben, müssen wir autonome Fahrzeuge klug in den ÖPNV integrieren. Mit KIRA+ erproben wir genau das. Mit allen Anforderungen, die ein moderner, autonomer ÖPNV leisten muss. Von der Nutzbarkeit für mobilitätseingeschränkte Kunden bis zur verlässlichen technischen Aufsicht in der Leistelle unter realen Einsatzbedingungen.“

Im Mittelpunkt steht dabei nicht allein die autonome Steuerung der Fahrzeuge. Ebenso soll untersucht werden, wie sich solche Angebote unter realen Bedingungen in bestehende Strukturen des öffentlichen Nahverkehrs integrieren lassen. Dazu gehören unter anderem die Betreuung der Fahrgäste und die technische Überwachung während des Betriebs.

Barrierefreies Fahrzeug

Für KIRA+ wird der HOLON urban eingesetzt. Das Fahrzeug ist speziell für den öffentlichen Nahverkehr konzipiert und verfügt über eine autonome Fahrtechnologie des Unternehmens Mobileye. Gleichzeitig ist der Kleinbus barrierefrei ausgelegt und soll damit auch Fahrgästen mit eingeschränkter Mobilität die Nutzung ermöglichen. Im Testbetrieb stehen fünf Sitzplätze für Fahrgäste sowie ein Rollstuhlplatz zur Verfügung. Wird der Rollstuhlplatz benötigt, reduziert sich die Zahl der regulären Fahrgastsitze auf drei.

Weiteres Testgebiet

Für HOLON bedeutet KIRA+ den Einsatz des Fahrzeugs in einer weiteren deutschen Region. Dr. Sven Herzig, Geschäftsführer bei HOLON, erklärt: „KIRA+ ist für uns ein wichtiger Schritt in Deutschland: Nach Hamburg und Paderborn fährt der HOLON urban damit in einer dritten deutschen Region auf öffentlichen Straßen. Entscheidend ist für uns die Zielrichtung.

Mit dem RMV und DB Regio arbeiten hier zwei der großen Akteure des deutschen ÖPNV auf eine Modellregion hin, in der autonome Fahrzeuge in großer Zahl Teil des regulären Angebots werden sollen. Diese Größenordnung ist der Maßstab, an dem sich autonome Mobilität messen lassen muss. Dafür braucht es Fahrzeuge, die für den Dauerbetrieb ausgelegt sind, und genau dafür ist der HOLON urban gebaut.“

Modellregion im Blick

Mit KIRA+ soll die Grundlage für eine künftig geplante Modellregion für autonomes Fahren im ÖPNV geschaffen werden. Gemeint ist ein räumlich festgelegtes Gebiet, in dem autonome Mobilitätsangebote nicht mehr ausschließlich im Rahmen einzelner Pilotvorhaben stattfinden, sondern Bestandteil des regulären öffentlichen Nahverkehrs werden.

Ein wesentlicher Schwerpunkt des Projekts liegt deshalb auf der praktischen Erprobung der selbstfahrenden Fahrzeuge. Gleichzeitig werden die dazugehörigen On-Demand-Buchungsprozesse untersucht. Dabei geht es insbesondere um die Frage, inwieweit sich die Abläufe auf einen größeren Umfang übertragen lassen.

Buchung per App

Die Fahrten sollen über die eigens für das Projekt vorgesehene App der ioki GmbH gebucht werden. Die Anwendung nimmt die Fahrtwünsche auf, koordiniert diese und führt passende Anfragen bei der Routenplanung intelligent zusammen.

Trotz des autonomen Fahrens wird während der Fahrten Sicherheitspersonal an Bord sein. Dieses überwacht die Fahrten der Fahrzeuge, die nach den Vorgaben für autonomes Fahren auf SAE Level 4 unterwegs sind. Damit bleibt auch die technische Überwachung Bestandteil des praktischen Testbetriebs.

Erfahrungen aus KIRA

Beim geplanten Betriebsgebiet kann KIRA+ auf Strukturen des Vorgängerprojekts KIRA aufbauen, das noch bis Ende 2026 läuft. Bereits vorhandene Erfahrungen und Kompetenzen für den autonomen Betrieb sollen dadurch weiter genutzt werden. Dazu gehört unter anderem die bestehende Leitstelle.

Auch andere Bereiche profitieren von den bisherigen Erfahrungen. Erkenntnisse aus KIRA sowie aus weiteren Projekten zum autonomen Fahren sollen in die Buchungsprozesse, die betrieblichen Abläufe und die Ausstattung der Fahrzeuge einfließen. Auf dieser Grundlage sollen mit KIRA+ zusätzliche Erkenntnisse für den späteren Einsatz autonomer Fahrzeuge im regulären ÖPNV gewonnen werden. Ein weiterer Untersuchungsbereich betrifft dabei die Technische Aufsicht und deren Ausgestaltung unter den Bedingungen eines praktischen Betriebs.

Teil von MILA.mobility

KIRA+ ist eines von insgesamt fünf Testfeldern des Förderprojekts MILA.mobility. Das Gesamtvorhaben wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert. MILA.mobility steht für „Middleware-Integration von Leitstellen- und Dispositionssystemen für Autonome Mobilität“. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung und Abstimmung einer sogenannten Middleware-Architektur. Diese soll die verschiedenen Softwaresysteme miteinander verbinden, die für einen autonomen ÖPNV benötigt werden.

Die technische Vernetzung reicht dabei vom Fahrzeug über die Flottensteuerung und Disposition bis hin zur Leitstelle. Damit soll eine gemeinsame technologische Grundlage für den Betrieb autonomer Mobilitätsangebote geschaffen werden.

Partner im Projekt

Initiator von KIRA+ ist der Rhein-Main-Verkehrsverbund. Der RMV verfolgt dabei das Ziel, autonome Mobilitätsangebote weiterzuentwickeln und langfristig zu einem flächendeckenden und attraktiven ÖPNV im Verbundgebiet und darüber hinaus beizutragen. HOLON, ein Unternehmen der BENTELER Gruppe, stellt die eingesetzten HOLON-urban-Fahrzeuge bereit. Als Fahrzeughalter übernimmt das Unternehmen die fahrzeugbezogenen Genehmigungen und ist für die Instandhaltung zuständig. DB Regio unterstützt HOLON dabei.

DB Regio übernimmt seinerseits die personenbeförderungsrechtlichen Genehmigungen sowie die Verantwortung für den Betrieb der autonomen Fahrzeuge. Zu den Aufgaben zählen das Flottenmanagement, die Technische Aufsicht, das Management des Betriebsbereichs und die Betreuung der Fahrgäste im Fahrzeug.

Netzwerk aus KIRA

KIRA+ greift außerdem auf das im Vorgängerprojekt KIRA entstandene Innovationsnetzwerk zurück. Zu den eng eingebundenen lokalen Partnern gehören die Kreisverkehrsgesellschaft Offenbach (kvgOF) sowie die HEAG mobilo in Darmstadt.

In den jeweiligen Gebieten dieser beiden Partner soll der Testbetrieb von KIRA+ stattfinden. Damit wird das Projekt in RheinMain sowohl in Darmstadt als auch im Kreis Offenbach praktisch erprobt. In Wiesbaden ist das autonome Fahren im Nahverkehr des ÖPNV bisher nicht vorgesehen. Wissenschaftlich begleitet wird KIRA+ vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Als Branchenpartner ist zudem der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) beteiligt.

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