Erinnerung

Erneut Stolpersteine in Wiesbaden verlegt: Aktives Museum Spiegelgasse erreicht Marke von über 800 Gedenksteinen

Mit der jüngsten Verlegerunde hat das Aktive Museum Spiegelgasse die Marke von 800 Stolpersteinen in Wiesbaden überschritten. Insgesamt 823 Steine liegen nun vor 446 Häusern in der hessischen Landeshauptstadt – ein eindrucksvolles Zeichen der Erinnerungskultur. Bei der diesjährigen Verlegung gedachten Angehörige, Jugendliche und Kommunalpolitiker der Opfer des Nationalsozialismus, darunter erstmals auch ein Zeuge Jehovas.

Von: |Erschienen am: 5. September 2026 11:32|

Fotos: Aktives Museum

Ein glänzendes Stück Messing im Straßenpflaster, wenige eingravierte Zeilen – und das Schicksal eines Menschen, der mitten aus der Nachbarschaft gerissen wurde. Das Aktive Museum Spiegelgasse hat in Wiesbaden erneut feierlich Stolpersteine verlegen lassen. Mit den jüngsten Verlegungen wächst das dezentrale Mahnmal auf über 800 Gedenkorte an. Begleitet von Angehörigen aus aller Welt, engagierten Schülerinnen und Schülern sowie Vertretern der Stadtpolitik wurden die Zeremonien zu einem tief bewegenden Zeichen gegen das Vergessen und für gelebte Menschlichkeit im Hier und Jetzt.

Ein Meilenstein des Gedenkens – 823 Steine vor 446 Häusern

Das von dem Kölner Künstler Gunter Demnig initiierte Projekt gehört seit vielen Jahren fest zum Erinnerungsbild der hessischen Landeshauptstadt. Die kleinen Gedenktafeln aus Messing werden stets vor jenen Häusern in den Gehweg eingelassen, an denen die Opfer des nationalsozialistischen Terrors ihren letzten frei gewählten Wohnort hatten.

Die Resonanz war auch in diesem Jahr beachtlich: Insgesamt 255 Bürgerinnen, Bürger und Gäste nahmen an den diesjährigen Verlegungen teil, die von Mitarbeitern des städtischen Bauhofs mit großem Respekt und handwerklicher Sorgfalt ausgeführt wurden. Durch die aktuellen Verlegungen liegen nun 823 Stolpersteine vor 446 Häusern in ganz Wiesbaden. Zwei weitere Steine werden noch im Verlauf des Herbstes folgen.

Dass dieses Gedenken überhaupt möglich ist, verdankt die Stadt breiter bürgerschaftlicher Unterstützung: Ein Stein kostet 120 Euro und wird von Paten finanziert. Neben engagierten Wiesbadenern und Ortsbeiräten übernehmen immer wieder Schulklassen oder Konfirmandengruppen die Kosten und setzen sich im Vorfeld intensiv mit den Biografien der Verfolgten auseinander.

Bewegende Worte an der Wilhelmstraße – „Geschichte besteht aus dem Handeln Einzelner“

Einer der emotionalsten Momente spielte sich vor dem Haus in der Wilhelmstraße 6 ab. Dort praktizierte einst der Neurologe Dr. Werner Vogl gemeinsam mit seiner jüdischen Ehefrau Margarethe Vogl. Heute befindet sich an derselben Stelle wieder eine Arztpraxis, deren Team die eigens aus Dresden angereiste Familie Vogl herzlich empfing.

Stefan Vogl, der Enkel des KZ-Überlebenden, fand bei der Verlegung eindringliche Worte: „Nie wieder ist jetzt! Mir wurde klar: Geschichte kann man konkret machen. Denn sie besteht immer aus dem Handeln Einzelner.“

In seiner berührenden Ansprache schilderte er offen, wie das Thema der Verfolgung in der eigenen Familie über Generationen hinweg verdrängt worden war – bis die Mitarbeiterin einer Gedenkstätte den Kontakt suchte und er begann, die Geschichte seiner Großeltern aufzuarbeiten. Tief ergriffen legten Angehörige und anwesende Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker rote Rosen auf den frisch verlegten Messingquadraten nieder.

Schüler begegnen dem Schicksal von Gleichaltrigen

Wie nah die Geschichte insbesondere der jungen Generation gehen kann, zeigte sich in der Taunusstraße 19. Dort wurden gleich fünf Steine für eine komplette Familie verlegt: das Ehepaar Arthur und Jenny Wolf, deren Söhne Siegfried und Günther sowie Tante Paulina. Die gesamte Familie wurde von den Nationalsozialisten in den Konzentrationslagern Majdanek und Auschwitz ermordet.

Vor Ort waren zwei Schulklassen der Mittelstufenschule Dichterviertel sowie des Campus Klarenthal, der regelmäßig Patenschaften für Stolpersteine übernimmt. Sichtbare Betroffenheit löste ein historisches Klassenfoto aus, auf dem der zwölfjährige Günther Wolf zu sehen war – ein Moment, der den Jugendlichen vor Augen führte, dass die Schrecken der Schoa Menschen traf, die damals genau im selben Alter waren wie sie selbst heute.

Gäste reisen aus Australien an – Erinnerung an Kunst und Handwerk

Zu vielen Verlegestellen reisten Hinterbliebene weite Strecken an, um ihren Vorfahren die letzte Ehre zu erweisen:

  • Karlstraße 10: Für Martha Keiles, deren Familie einst eine renommierte Zigarettenfabrik in Wiesbaden betrieb, reiste eine 15-köpfige Familiendelegation aus aller Welt an – einige sogar aus Australien. Bewegende Worte sprachen dort neben den Urenkeln auch Stadtverordnetenvorsteher Dr. Gerhard Obermayr.

  • Parkstraße: Hier erinnert ein Stein an die emanzipierte Fotografin Martha Wolff (Jahrgang 1871), deren Arbeiten bis heute erhalten sind. Ihr Bruder war kein Geringerer als der berühmte Zeitungsredakteur Theodor Wolff, nach dem der angesehene Theodor-Wolff-Preis für Journalismus benannt ist.

  • Rheinstraße 67: Vor dem ehemaligen Wohnhaus von Anna Börner erinnerte deren Enkelin mit persönlichen Anekdoten an das Leben ihrer Großmutter.

Erstes Gedenken an Zeugen Jehovas und weitere Verlegeorte

In der Röderstraße 6 gab es eine bedeutsame Premiere: Mit der Verlegung des Steins für Albert Wandres wurde in Wiesbaden erstmals offiziell eines Angehörigen der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas gedacht, die unter dem NS-Regime ebenfalls unbarmherzig verfolgt und inhaftiert wurden.

Weitere Stolpersteine wurden im gesamten Stadtgebiet verlegt:

  • Rüdesheimer Straße 1: für Johanna Windmüller

  • Bismarckring 6: für Wilhelmina Schönholz

  • Westendstraße 28: für Leon Mannheimer

  • Reichsapfelstraße 19 (Schierstein): für das Ehepaar Emil und Sophie Hallgarten

Mit jedem einzelnen Stein kehren die Namen und Geschichten der ermordeten, vertriebenen und gedemütigten Bürgerinnen und Bürger an die Orte ihres Lebens zurück – mitten in den Alltag der Wiesbadener Straßen.

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InfoBox

Die Fakten zur Stolpersteinverlegung im Überblick:

  • Projekt: Stolpersteine in Wiesbaden gegen das Vergessen (Initiator: Künstler Gunter Demnig)

  • Organisation: Aktives Museum Spiegelgasse für Deutsch-Jüdische Geschichte in Wiesbaden e.V

  • Aktueller Stand: 823 Steine vor 446 Häusern (zwei weitere Verlegungen folgen im Herbst)

  • Teilnehmer: Rund 255 Bürger, Nachkommen und Kommunalpolitiker

  • Kosten & Patenschaft: 120 Euro pro Stein, finanziert durch Bürger, Schulen und Ortsbeiräte

  • Weitere Informationen & Biografien: Online unter www.am-spiegelgasse.de