Filmgeschichte
Großes Caligari-Jubiläum: Stummfilm-Klassiker treffen auf moderne Sounds
Das traditionsreiche Lichtspielhaus am Wiesbadener Marktplatz verwandelt sich ab September in eine musikalische Zeitmaschine. Zum hundertjährigen Bestehen erwartet das Publikum ein vielseitiges Programm aus hochkarätigen Stummfilmkonzerten, frischen Neukompositionen und spannenden Mitmach-Projekten. Welche zeitlosen Klassiker neu vertont werden und auf welche Highlights sich Kinofans in den kommenden Monaten freuen können, lesen Sie hier.
Symbofoto
Die Wiesbadener Caligari FilmBühne am Marktplatz 9 feiert ihr hundertjähriges Bestehen. Das historische Lichtspielhaus, das im Dezember 1926 ursprünglich als „Ufa-Palast“ seine Türen öffnete, präsentiert aus diesem Anlass ab Sonntag, 6. September, ein umfangreiches Festprogramm.
Die Jubiläumsreihe umfasst insgesamt acht Stummfilmkonzerte, fünf eigens geschaffene Neukompositionen sowie drei Vortragsveranstaltungen. Da das Gebäude zu den wenigen noch vollständig erhaltenen Kinosälen aus der Stummfilmära zählt, rückt die Veranstaltungsreihe das Zusammenspiel von Filmbild und Live-Musik bewusst in den Mittelpunkt.
Neue Perspektiven auf Klassiker
Im Rahmen von fünf Stummfilmkonzerten treffen bedeutende Werke der Stummfilmzeit auf zeitgenössische Interpretationen und neue Klangkonzepte renommierter Musikerinnen und Musiker. Ergänzt wird das Angebot durch ein Mitmach-Projekt für Kinder und Jugendliche sowie durch Veranstaltungen, die sich kritisch mit der Wirkungsgeschichte des Stummfilms auseinandersetzen.
Kuratorin Nina Goslar, die viele Jahre als Stummfilmredakteurin bei zdf/arte tätig war und 2020 den Deutschen Stummfilmpreis erhielt, wählte fünf Streifen aus, die die Vielfalt des Filmjahres 1926 widerspiegeln. Sie erläutert zum musikalischen Konzept: „Die Musiken betreiben keine nostalgische Rückschau, sondern schaffen einen Resonanzraum, in dem sich historische Bezüge und moderne Spieltechniken treffen. Alle fünf Filmmusiken stellen verschiedene stilistische Ansätze vor, Stummfilme aus einer heutigen Perspektive zu begleiten“
Auftakt und musikalische Leitung
Die musikalische Gesamtleitung der Reihe liegt in den Händen von Diego Ramos Rodríguez. Den Auftakt bildet am Sonntag, 6. September, die Verwechslungskomödie „Der Geiger von Florenz“ von Paul Czinner. Hierbei tritt Ramos Rodríguez als Violinist in einem vierköpfigen Ensemble auf, das eine Komposition von Uwe Dierksen zu Gehör bringt.
Für die Abschlussgala am Sonntag, 20. Dezember, zeichnet Ramos Rodríguez selbst als Komponist verantwortlich. Neben historischen Aufnahmen aus Wiesbaden und einer zeitgenössischen Wochenschau steht Buster Keatons Filmklassiker „Sherlock Jr.“ auf dem Programm des Finales.
Nachwuchsprojekt und Kinderkonzerte
Ein fester Bestandteil der Festreihe richtet sich an das jüngste Publikum. In Zusammenarbeit mit der Wiesbadener Musik- und Kunstschule haben Nachwuchsmusikerinnen und -musiker unter der Leitung der Komponistin Barbara Lenz Live-Begleitungen für frühe Kurzfilme erarbeitet.
Neben Instrumenten wie Cello und Klavier kommen dabei auch sogenannte Orff-Instrumente zum Einsatz, um Geräusche wie Wind, Zugsignale oder Feueralarm imitationsgetreu zu erzeugen. Die Aufführungen finden am Sonntag, 29. November, sowie am Sonntag, 6. Dezember, jeweils mit unterschiedlicher Besetzung statt.
Die Stummfilmkonzerte im Überblick
Das Konzertprogramm startet am Sonntag, 6. September, um 19:00 Uhr mit Paul Czinners „Der Geiger von Florenz“ (D 1926, 82 Minuten, FSK 0). Die Komposition von Uwe Dierksen wird vom Ensemble mit Diego Ramos Rodríguez (Violine), Miguel Casas (Posaune), Nathan Watts (Cello) und Miharu Ogura (Piano) interpretiert.
Am Freitag, 25. September, um 19:00 Uhr folgt die filmhistorische Rarität „Nach dem Gesetz“ (Regie: Lew Kuleschow, UdSSR 1926, 81 Minuten, FSK ungeprüft). Der Pianist Uwe Oberg und der Schlagzeuger Rudi Fischerlehner begleiten diesen „Western aus dem Osten“ mit einer Neukomposition.
Animation, Komödie und Gala
Lotte Reinigers Trickfilm-Meilenstein „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ (D 1926, 66 Minuten, FSK ungeprüft) wird am Donnerstag, 22. Oktober, um 19:00 Uhr gezeigt. Das deutsch-iranische Ensemble Tanava (Flöte, Kamanche, Kontrabass, Perkussion/Gesang) begleitet den ersten abendfüllenden Animationsfilm der Geschichte.
Am Sonntag, 6. Dezember, um 19:00 Uhr steht die Komödie „Dancing Mothers“ (Regie: Herbert Brenon, USA 1926, 64 Minuten, FSK ungeprüft) auf dem Spielplan, musikalisch begleitet von Maud Nelissen am Piano und Daphne Balvers am Sopransaxophon. Den Abschluss bildet am Sonntag, 20. Dezember, um 18:00 Uhr ein Kino-Varieté mit Kurzfilmen, Gesang, dem Ensemble Modern und Buster Keatons „Sherlock Jr.“ unter der Conférence von Janboris Ann-Kathrin Rätz.
Programm für junge Kinofans
Die Kinder-Stummfilmkonzerte finden am Sonntag, 29. November, und Sonntag, 6. Dezember, jeweils um 11:00 Uhr statt (Dauer ca. 60 Minuten, empfohlen ab 5 Jahren). Auf dem Programm stehen humorvolle Frühwerke des Kinos – von Tierfütterungen über Feuerspritzen bis hin zum Comedy-Klassiker „LIBERTY“ mit Laurel & Hardy.
Drei weitere Abende widmen sich der theoretischen Reflexion des Stummfilmerbes. Am Donnerstag, 8. Oktober, um 17:30 Uhr hält der Musikwissenschaftler Dr. Dietrich Stern einen Vortrag mit Filmbeispielen über das Zusammenspiel von Ton und Bild als gleichwertige Partner.
Reflexion und historische Einordnung
Regisseur Rüdiger Suchsland spricht am Sonntag, 11. Oktober, um 17:00 Uhr im Anschluss an seinen Film „Von Caligari zu Hitler“ (D 2014, 119 Minuten, FSK 0) mit dem Filmwissenschaftler Prof. Dr. Marcus Stiglegger über das Kino der Weimarer Republik als Seismograph gesellschaftlicher Umbrüche.
Am Montag, 9. November, um 19:00 Uhr beleuchtet die Filmwissenschaftlerin Bettina Schulte Strathaus in Verbindung mit Neukompositionen von Bernd Thewes drei Werke der Frankfurter Filmemacherin Ella Bergmann-Michel aus der Zeit vor der NS-Diktatur.
Ausrichter, Förderung und Tickets
Veranstaltet wird das Jubiläum in der Caligari FilmBühne vom Kulturamt der Landeshauptstadt Wiesbaden in Zusammenarbeit mit dem DFF – Deutsches Filminstitut & Filmmuseum sowie der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung. Unterstützung erhält das Projekt durch den Kulturfonds Frankfurt RheinMain, Hessen Film & Medien und die SV SparkassenVersicherung.
Die Eintrittspreise für die Konzerte zum Stummfilm liegen bei 14 Euro (ermäßigt 12 Euro, mit Wiesbadener Filmkunstkarte 10 Euro). Die Kinder-Stummfilmkonzerte kosten 5 Euro, während für die Vortragsveranstaltungen 9 Euro (ermäßigt 8 Euro, mit Filmkunstkarte 7 Euro) berechnet werden. Für Vorführungen ab 130 Minuten fällt ein Überlängenzuschlag von 1 Euro an. Ausführliche Details sind unter caligari.wiesbaden.de/jubilaeumsreihe/jublaeumsreihe-caligari abrufbar.
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