Kooperationen
Fit für den Rechtsanspruch: Stadt vernetzt Schulen mit Vereinen
Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung rückt näher und die Landeshauptstadt dreht an neuen Stellschrauben. Ein ambitioniertes Konzept bringt frischen Wind in die Nachmittage der Kleinsten: Sport, Kultur und Feuerwehr halten Einzug in die Klassenräume. Welche Hürden bis zur flächendeckenden Umsetzung noch genommen werden müssen und wie Pilotprojekte bereits heute funktionieren, lesen Sie im Artikel.
Symbolfoto
Mit dem am 1. August schrittweise greifenden Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder rückt die qualitative Gestaltung der Nachmittagsstunden verstärkt in den Fokus. Vorgesehen ist eine verlässliche Abdeckung an fünf Werktagen von bis zu acht Stunden täglich, die auch Ferientage einschließt.
In der Landeshauptstadt erfolgt die Umsetzung vorrangig im Zuge des „Pakts für den Ganztag“. Um über die reine Betreuung hinaus vielseitige Angebote in den Bereichen Bewegung, Bildung und Kultur zu schaffen, setzt das städtische Amt für Soziale Arbeit auf das Projekt „Vereine im Ganztag“, das Bildungseinrichtungen und örtliche Akteure enger verknüpfen soll.
Kommentar der Sozialdezernentin
„Mit dem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung bietet sich die Chance, Schule gemeinsam mit den Akteuren im Sozialraum weiterzuentwickeln. Unsere Vereine leisten einen wertvollen Beitrag für Bildung, Bewegung und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Deshalb setzen wir uns dafür ein, diese Kooperationen dauerhaft zu stärken“, erklärt Sozialdezernentin Dr. Patricia Becher (SPD).
Koordinierungsstelle als Dreh- und Angelpunkt
Ziel der Initiative ist es, feste Strukturen zwischen Schulen, freien Trägern und Vereinen aufzubauen. Damit die Zusammenarbeit im Schulalltag reibungslos verläuft, ist die Einrichtung einer zentralen Koordinierungsstelle geplant. Diese soll als Ansprechpartner fungieren, Kontakte vermitteln und bürokratische Hindernisse aus dem Weg räumen.
„Ganztag bedeutet heute weit mehr als eine verlässliche Betreuung. Kinder sollen ihre Talente entdecken, sich bewegen, musizieren, kreativ sein und Gemeinschaft erleben können. Damit solche Angebote verlässlich in den Schulalltag eingebunden werden können, braucht es gute Abstimmung, klare Zuständigkeiten und eine Begleitung der Kooperationen. Genau daran arbeitet das Projekt“, betont Miriam Lautz aus der Abteilung Grundschulkinderbetreuung und Ganztägige Angebote.
Erfolgreiche Praxisbeispiele und Erprobung
Wie ein solches Miteinander gelingen kann, zeigen bestehende Kooperationen im Stadtgebiet. So kooperiert die Dotzheimer Philipp-Reis-Schule bereits seit Jahren mit dem TuS Dotzheim, während die Freiherr-vom-Stein-Schule gemeinsam mit dem TTC Rot-Weiß Wiesbaden Tischtennis anbietet. An der Grundschule Bierstadt gestalten ab dem kommenden Schuljahr der TV Bierstadt sowie der TuS Eintracht Wiesbaden das Nachmittagsprogramm mit.
Seit September 2025 läuft die Modellphase des Projekts an der Brüder-Grimm-Schule und der Krautgartenschule. Aufgrund ihrer geografischen Nähe eigneten sich beide Standorte besonders, um Abläufe zu testen und Bedarfe zu ermitteln.
Hürden bei Personal und Finanzierung
Im Zuge der Erprobung traten zwei wesentliche Herausforderungen zutage: der Mangel an qualifiziertem Personal sowie die langfristige Finanzierung. Zur Gewinnung von Übungsleitungen wird unter anderem eine Kooperation mit der Johannes Gutenberg-Universität Mainz angestrebt, um Studenten der Sportwissenschaft einzubinden.
Auf finanzieller Seite reichen bestehende Förderprogramme wie „Schule und Verein“ oder das Startchancen-Programm für eine flächendeckende Umsetzung nicht aus. Die Stadt strebt daher eine ergänzende kommunale Finanzierung an und hat für den Doppelhaushalt 2027 Mittel für Übungsleitergelder sowie eine halbe Koordinationsstelle beantragt. Zusätzlich wurde eine Förderung über das Bundesprogramm „Ganztag in Bildungskommunen“ eingereicht.
Rechtsanspruch als Chance
„Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung bietet eine große Chance, Schule neu zu denken. Mit ‚Vereine im Ganztag‘ verbinden wir Bildung, Ehrenamt und soziale Teilhabe. Bereits mit vergleichsweise überschaubaren finanziellen Mitteln können wir einen erheblichen Mehrwert schaffen. Deshalb setzen wir uns dafür ein, die notwendigen finanziellen und personellen Rahmenbedingungen für eine dauerhafte Umsetzung des Projekts zu sichern“, hebt Oliver Klump, Leiter der Abteilung Grundschulkinderbetreuung und Ganztägige Angebote, hervor.
Erweiterung über den Sport hinaus
In Zukunft soll das Netzwerk schrittweise auf das gesamte Stadtgebiet ausgeweitet werden. Dabei ist vorgesehen, nicht nur Sportvereine, sondern auch Akteure aus den Bereichen Musik, Kultur, Brauchtumspflege sowie die Freiwilligen Feuerwehren einzubinden.
„Wiesbaden hat eine vielfältige Vereinslandschaft, vom Sport über Kultur, Musik und Brauchtum bis zu den Freiwilligen Feuerwehren. Wenn Kinder diese Vielfalt im Ganztag kennenlernen, erfahren sie früh, wie Engagement in ihrer Stadt funktioniert“, betont Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende (SPD).
Nachwuchsförderung für das Ehrenamt
Der Wiesbadener Oberbürgermeister führte bezüglich der Chancen der Ganztagsbetreuung für die Vereine weiter aus: „Das kann für Schulen und Vereine zu einem Gewinn für beide Seiten werden: Schulen erhalten zusätzliche verlässliche Angebote, Vereine können junge Menschen frühzeitig für ihre Arbeit begeistern und damit auch der Herausforderung begegnen, Nachwuchs für Vereinsarbeit und Ehrenamt zu gewinnen.“
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