Generationenwechsel

Abschied von der „kühnsten Kirche Hessens“: Biebricher Wahrzeichen vor radikalem Umbau

Mehr als 60 Jahre lang war die Heilig-Geist-Kirche im Wiesbadener Stadtteil Biebrich das geistliche Zuhause für unzählige Menschen. Nun steht dem markanten Betonbau auf der Adolfshöhe ein tiefgreifender Wandel bevor. Während die Gemeinde mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Wehmut Abschied von ihrer langjährigen Heimat nimmt, laufen im Hintergrund bereits die weitreichenden Vorbereitungen für eine völlig neue Ära des Gotteshauses.

Von: |Erschienen am: 11. Juli 2026 09:00|

Foto: Evangelische Martin-Luther-Gemeinde

Die evangelische Martin-Luther-Gemeinde steht vor einem bedeutenden Einschnitt. Am Sonntag, 16. August, findet um 10:00 Uhr der vorerst letzte Gottesdienst in der geschichtsträchtigen Heilig-Geist-Kirche statt. Das in den frühen 1960er-Jahren errichtete Gebäude diente über sechs Jahrzehnte als spiritueller Mittelpunkt der Gemeinde, die sich im Jahr 2023 mit anderen Zusammenschlüssen fusionierte.

Nun steht ein grundlegender Wandel bevor, da das Stadtjugendpfarramt den Standort ab 2027 übernehmen wird. Erste Vorbereitungen laufen bereits: Die Unterkirche wurde im April komplett geräumt, weshalb die verschiedenen Gemeindegruppen seither an Ausweichorten zusammenkommen. Der bevorstehende Abschied löst innerhalb der Gemeinde gemischte Gefühle aus. Pfarrer Johannes Merkel betonte: „Viele Menschen konnten hier wunderbare Erfahrungen mit Kirche machen und tolle Gemeinschaft erleben“.

Perspektiven für nachfolgende Generationen

Der Pfarrer fügte hinzu: „Gleichwohl ist es gerade wegen der persönlichen Verbundenheit vieler Mitglieder sehr schwer für die Gemeinde, das Kirchengebäude abzugeben.“

Weiter erklärte der Seelsorger: „Wir freuen uns, dass mit dem Stadtjugendpfarramt weiterhin evangelische Präsenz am Standort gewährleistet ist und hier mit Angeboten für Kinder und Jugendliche eine hoffentlich gute Basis für die kirchliche Zukunft gelegt wird!“ Im Anschluss an den feierlichen Abschiedsgottesdienst öffnet die Gemeinde ihre Türen für einen gemeinsamen Empfang.

Die Geburtsstunde der Betonparabel

Der historische Ursprung des Standorts liegt im starken Zuwachs der evangelischen Bevölkerung Mitte des vergangenen Jahrhunderts im Stadtteil Biebrich. Um diesem Trend gerecht zu werden, kam es am 1. April 1958 zur Gründung der Heilig-Geist-Gemeinde. Das Ziel eines eigenen Zentrums wurde zügig verfolgt. Die Wahl fiel auf den außergewöhnlichen Entwurf des Wiesbadener Planers Herbert Rimpl. Dieser wählte eine Parabelform als zentrales Gestaltungelement sowohl in der Waagerechten als auch in der Senkrechten.

Durch die Platzierung der Gemeinderäume im Parterre und des eigentlichen Sakralraums im Obergeschoss realisierte der Architekt eine bewusste Verbindung von Glaubensverkündung und praktischem Gemeindeleben. Die Einweihung erfolgte am 17. Dezember 1961, dem dritten Adventssonntag. Wegen der modernen Form und des markanten Baustoffs Beton erlangte das Gebäude schnell Bekanntheit als „kühnste Kirche Hessens“.

Großinvestition in die Zukunft der Jugend

Nun schlägt das Dekanat ein neues Kapitel auf. Die Wiesbadener Dekanatssynode beschloss auf ihrer Tagung Ende März mit breiter Mehrheit, das Stadtjugendpfarramt (Stajupfa) und die Evangelische Jugendkirche an der Heilig-Geist-Kirche zusammenzuführen. Für die künftige Nutzung werden das Kirchengebäude in der Biebricher Drususstraße 26 sowie das angeschlossene Pfarr- und Gemeindehaus umfassend umgestaltet und energetisch modernisiert.

Die veranschlagten Gesamtkosten von rund 600.000 Euro werden gemeinschaftlich aus Rücklagen des Dekanats, Geldern der Evangelischen Gesamtgemeinde sowie Mitteln der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) getragen.

Bündelung der Kräfte an einem Ort

Die Verantwortlichen erhoffen sich von der Zusammenlegung starke Synergieeffekte für die kirchliche Arbeit. Dekanin Arami Neuman äußerte sich erfreut darüber, dass alle Beteiligten in den Prozess einbezogen werden konnten: „Hier wird ein Ort für die Jugend entstehen, der in die Stadt und die Kirchengemeinden ausstrahlt“.

Optimierte Bedingungen für jugendliche Formate

Die Dekanin betonte weiter: „Stajupfa und Jugendkirche an einem Standort in Wiesbaden, da wird noch mal eine ganz neue Dynamik entstehen“, und fügte hinzu: „Vor allem ist es ein Ort, der in die Zukunft gerichtet ist.“ Zuvor waren die beiden Institutionen an getrennten Adressen angesiedelt: Die Jugendkirche nutzte Räume in der Oranier-Gedächtnis-Kirche am Biebricher Rheinufer, während das Stadtjugendpfarramt in der Fritz-Kalle-Straße 40 zu finden war.

Dekanatsjugendreferent Denis Wöhrle bewertet den Umzug an die Drususstraße als großen Schritt nach vorn. Wöhrle erklärte: „Dass wir künftig an einem Standort an der Heilig-Geist-Kirche sind, ist für uns eine riesige Chance“ und ergänzte: „Wir können die Jugendkirche häufiger und auch viel besser auch für kleine Formate nutzen.“

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