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Hessen startet durch: Steuerbescheid kommt jetzt als Vorschlag vom Amt
Die Steuererklärung einfach weglassen und stattdessen einen fertigen Bescheidvorschlag vom Finanzamt erhalten? Was als Kasseler Pilotversuch begann, wird nun zum Großprojekt in fünf Bundesländern. Warum das Verfahren so gut ankommt und welche Veränderungen es für viele Menschen bedeutet, erläutert Finanzminister Lorz in Wiesbaden.
Symbolfoto: Canva
Hessen weitet das erfolgreiche Pilotprojekt „Die Steuer macht das Amt“ auf das gesamte Bundesland aus. Rund 200.000 Steuerpflichtige sollen künftig keinen eigenen Steuerbescheid mehr erstellen müssen. Stattdessen erhalten sie einen automatisch generierten Vorschlag des Finanzamts.
Das Modell, das 2025 im Finanzamt Kassel startete, überzeugte mit hoher Akzeptanz und wird nun gemeinsam mit Hamburg, Mecklenburg‑Vorpommern, Schleswig‑Holstein und Thüringen fortgeführt. Bundesweit könnten so etwa 500.000 Menschen profitieren.
Erfahrungen für ganz Deutschland
Ziel des Projekts ist es, das Besteuerungsverfahren zu vereinfachen und Verwaltungsabläufe zu modernisieren. Grundlage dafür ist der KONSENS‑Verbund, in dem Bund und Länder seit zwei Jahrzehnten gemeinsam Software für die Steuerverwaltung entwickeln.
Auch die neue App‑Funktion „Steuererklärung per App mit einem Klick“ innerhalb von MeinELSTER+ soll künftig zur Entlastung beitragen. Beide Ansätze sollen langfristig in einem einheitlichen digitalen Zugang gebündelt werden.
Erfolgreiche Pilotphase in Kassel
Die Ergebnisse aus Kassel zeigen eine hohe Zustimmung: Von rund 6.000 angeschriebenen Personen akzeptierten 75 Prozent den vorgeschlagenen Steuerbescheid. Nur 4 Prozent machten nachträglich Aufwendungen geltend, 21 Prozent reichten eine eigene Steuererklärung ein.
Eine forsa‑Umfrage bestätigte zudem, dass viele Bürger erwarten, einen solchen Vorschlag zu erhalten, wenn alle relevanten Daten bereits vorliegen.
Ausweitung auf alle hessischen Finanzämter
In den kommenden Tagen verschicken alle hessischen Finanzämter Festsetzungsvorschläge an Steuerpflichtige, deren Daten vollständig vorliegen. Die Zustimmung ist bis zum 31. Juli 2026 möglich, per Formular oder QR‑Code.
Wer nicht einverstanden ist, muss weiterhin eine Steuererklärung einreichen. Die Zielgruppe umfasst Arbeitnehmer, Rentner sowie Personen mit Einkommensersatzleistungen wie Elterngeld oder Krankengeld. Auch Familien mit Kindern unter 18 Jahren sind eingeschlossen.
Warum nicht alle Länder teilnehmen
Das Projekt soll zunächst in einer vielfältigen Ländergruppe erprobt werden, um möglichst unterschiedliche steuerliche Situationen abzubilden.
Die gewonnenen Erkenntnisse fließen anschließend in die gemeinsame Weiterentwicklung im KONSENS‑Verbund ein. Da es sich um ein Pilotprojekt handelt, ist eine sofortige bundesweite Umsetzung nicht vorgesehen.
Ergänzung durch MeinELSTER+
Parallel dazu bietet Bayern mit MeinELSTER+ einen digitalen Service an, der die Steuererklärung per App erleichtert. Anders als beim hessischen Pilotprojekt bleibt hier die Abgabepflicht bestehen.
Beide Verfahren verfolgen jedoch das gemeinsame Ziel, die Einkommensteuerveranlagung einfacher und bürgerfreundlicher zu gestalten.
KONSENS als Basis der Digitalisierung
Der KONSENS‑Verbund sorgt seit 2007 für eine einheitliche Softwarelandschaft in der Steuerverwaltung. Durch zentrale Verfahren sollen Abläufe beschleunigt, Daten besser nutzbar gemacht und Steuerbetrug erschwert werden. Die gemeinsame Entwicklung gilt als Vorbild für die digitale Modernisierung der Verwaltung.
Mit der Ausweitung des Projekts „Die Steuer macht das Amt“ setzt Hessen ein weiteres Zeichen für eine moderne, serviceorientierte Steuerverwaltung.
Finanzminister Lorz betont hohe Zustimmung
In Wiesbaden kommentierte Hessens Finanzminister Professor Dr. R. Alexander Lorz (CDU): „Die Steuer das Amt machen zu lassen, trifft den Nerv der Zeit und erfüllt die Erwartungen vieler Bürgerinnen und Bürger. 75 Prozent der Bürgerinnen und Bürger, denen wir im vergangenen Jahr einen Vorschlag für ihren Einkommensteuerbescheid gemacht hatten, stimmten ihm zu. Deshalb weiten wir das Projekt auf ganz Hessen aus: auf rund 200.000 Steuerfälle. Wir müssen, können und wollen der Erwartungshaltung der Bürgerinnen und Bürger nach einer spürbaren Entlastung gerecht werden!“
„Die öffentliche Verwaltung prägt maßgeblich, wie Bürgerinnen und Bürger den Staat im Alltag wahrnehmen. Die Steuerverwaltung ist für viele der häufigste Kontaktpunkt mit dem Staat und damit ein zentraler Ort, an dem Vertrauen in eine verlässliche, faire und bürgernahe Verwaltung entsteht. Dieses Vertrauen in einen funktionierenden Staat möchten wir mit unserem Angebot stärken.“
Weniger Aufwand für Bürger als Ziel
Weiter erklärt der Christdemokrat: „Die Steuer macht das Amt: Das ist praktische Staatsmodernisierung, aber auch eine andere Sicht auf Verwaltunpg und Bevölkerung. Die Steuerverwaltung sollte Dienstleisterin für die Bürgerinnen und Bürger sein – und dank der Nutzung ohnehin vorliegender Daten kann sie das auch.“
„Ein moderner Staat sollte Dienstleister sein, möglichst schlank und digital organisiert. Er sollte seinen Bürgerinnen und Bürgern Arbeit abnehmen, wann immer das möglich und sinnvoll ist. Das meint nicht den allumsorgenden Staat, in dem sich jeder zurücklehnen kann. Aber wenn dem Staat zahlreiche Daten vorliegen, dann soll er damit arbeiten und nicht die Bürger zum x-ten Mal darum bitten. Heißt: Die Steuer macht jetzt das Amt. Langfristig würde ich gerne soweit wie möglich von der Steuererklärungspflicht des Bürgers wegkommen.“
KONSENS‑Verbund für gemeinsame Lösungen
„Mit der Pilotierung nicht nur in ganz Hessen, sondern in insgesamt fünf Bundesländern werden wir noch schneller noch mehr über diese neue Form des Umgangs von Verwaltung mit Bürgerinnen und Bürgern lernen. Parteiübergreifend, Ost und West, Flächenländer und Stadtstaat: Ich bin schon jetzt sehr gespannt, welche Erkenntnisse wir aus dieser Vielfalt für alle Steuerverwaltungen in Deutschland gewinnen können,“ führt Lorz weiter aus.
„In der Steuerverwaltung können wir die Stärke des Föderalismus besonders gut ausspielen: Gemeinsam bringen wir seit Jahren nicht nur im, sondern mit KONSENS alle Steuerverwaltungen voran. Dabei programmieren einzelne Länder Anwendungen, die alle nutzen. Hessen ist und bleibt eines dieser Programmierländer. Gleichzeitig können wir mit Die Steuer macht das Amt oder MeinELSTER+ weitere Formate ausprobieren und die Ergebnisse untereinander teilen. Uns eint ein Ziel: Die Steuer soll für Bürgerinnen und Bürger sowie für die Verwaltung möglichst einfach sein.“
Das Leben vereinfachen
Manfred Pentz, Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Internationales und Entbürokratisierung erklärt in Wiesbaden abschließend zum Pilotprojekt „Die Steuer macht das Amt“:
„Das ist genau das, wofür ich mich seit Jahren einsetze. Wir wollen das Leben der Menschen einfacher machen, nicht komplizierter. Dass jetzt auch andere Länder auf diese gute Idee aufspringen, zeigt einmal mehr: Wenn es um den Abbau von Bürokratie geht, dann ist Hessen Vorreiter und Taktgeber.“
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