Buchvorstellung

100 Jahre Eingemeindungen: Von der Weltkurstadt zur Großstadt – Neuer Band zeigt das Ringen um Wiesbadens Stadtteile

Wie wuchs Wiesbaden eigentlich zu der facettenreichen Großstadt heran, die wir heute kennen? Vor genau 100 Jahren startete mit der Eingemeindung von Biebrich, Schierstein und Sonnenberg eine historische Transformation, die das Gesicht der Stadt für immer veränderte. Mit Band 19 der renommierten Reihe „Schriften des Stadtarchivs Wiesbaden“ legt Archivleiter Dr. Peter Quadflieg nun eine faszinierende, 480 Seiten starke Quellenedition vor. Originaldokumente zeigen: Die Eingliederungen der 1920er und 1970er Jahre sowie der Dauerstreit um die AKK-Stadtteile waren emotionale Machtkämpfe voller zäher Verhandlungen um Geld, Personal und Identität.

Von: |Erschienen am: 24. September 2026 11:42|

Foto: Cover Buch / Stadtarchiv

Ob das Rheinufer in Biebrich, die Weinberge in Frauenstein oder der dörfliche Charme in Kloppenheim: Was heute wie selbstverständlich zu Wiesbaden gehört, war vor einem Jahrhundert noch eigenständig und selbstbewusst. Vor genau 100 Jahren begann eine Epoche, die das Stadtgebiet grundlegend neu definierte. 1926 wurden mit Biebrich, Schierstein und Sonnenberg erstmals größere, bis dahin eigenständige Kommunen in den Stadtkreis Wiesbaden eingegliedert.

1928 folgte eine zweite Welle mit Bierstadt, Dotzheim, Erbenheim, Frauenstein, Georgenborn, Heßloch, Igstadt, Kloppenheim und Rambach, ehe rund 50 Jahre später die hessische Gebietsreform der 1970er Jahre die Stadtgrenzen vollends vollendete.

Zum 100-jährigen Jubiläum dieses Prozesses hat das Stadtarchiv Wiesbaden nun den 19. Band seiner renommierten Schriftenreihe herausgebracht: „Wiesbaden grüßt seine neuen Bürger. 100 Jahre Eingemeindungen nach Wiesbaden“, herausgegeben von Stadtarchivleiter Dr. Peter Quadflieg.

Verhandlungskrimis um Geld, Beamtenposten und Infrastruktur

Das Werk versteht sich bewusst nicht als trockene wissenschaftliche Abhandlung, sondern als lebendige Quellenschau. Anhand von Originalakten, Gesetzestexten, Protokollen und öffentlichen Debatten wird sichtbar, dass die Eingemeindungen keineswegs nur bürokratische Formalien waren – es waren knallharte politische Aushandlungsprozesse.

„Die Quellen zeigen, wie intensiv um die Eingemeindungen gerungen wurde. Dabei ging es keineswegs ausschließlich um die Frage kommunaler Eigenständigkeit“, erläutert Archivleiter Dr. Peter Quadflieg. Die selbstständigen Orte traten keineswegs als Bittsteller auf:

  • Sie forderten erhebliche finanzielle Ausgleichszahlungen von der reichen Kurstadt.

  • Die Übernahme von Gemeindepersonal und hochrangigen Spitzenbeamten wurde hitzig verhandelt.

  • Für die künftigen Stadtbezirke wurden weitreichende Sonderregelungen sowie feste Zusagen für Schulen, Straßen und Infrastrukturprojekte erstritten.

Was aus heutiger Sicht oft als engstirniges „Kirchturmdenken“ wahrgenommen wird, war damals ein legitimer Versuch der Vororte, im ungleichen Kräfteverhältnis mit Wiesbaden das Maximum für die eigenen Bürger herauszuholen.

Der Zankapfel AKK und die Kuriosität Georgenborn

Ein besonders spannendes Kapitel widmet das Buch den Spezialfällen der Stadtgeschichte. Ausführlich dokumentiert ist das Ringen um die rechtsrheinischen Vororte Mainz-Amöneburg, Mainz-Kastel und Mainz-Kostheim (AKK), die nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 durch Anordnung der Militärregierung unter Wiesbadener Treuhänderschaft gestellt wurden. Ein Rechtsgutachten aus dem Jahr 1954 sollte für Ruhe sorgen, doch die politischen Diskussionen um eine Rückabwicklung nach Mainz flammten bis weit in die 1980er Jahre immer wieder auf.

Ebenfalls beleuchtet wird die einzige echte Ausgliederung: Die Gemeinde Georgenborn, die 1928 zunächst nach Wiesbaden eingemeindet worden war, wechselte 1939 wieder zurück und wurde Teil des Untertaunuskreises (heute Rheingau-Taunus-Kreis).

„Weg von der Weltkurstadt zur Landesmetropole“

Wiesbadens Kulturdezernentin Dr. Patricia Becher (SPD) hebt die identitätsstiftende Bedeutung der Veröffentlichung hervor: „Die Quellenedition zeichnet die Transformation Wiesbadens von der mondänen Weltkurstadt des ausgehenden 19. Jahrhunderts hin zur facettenreichen hessischen Landeshauptstadt nach. Die Quellen erzählen von unterschiedlichen Interessen, von Verhandlungen und Konflikten, aber auch davon, wie aus ehemals selbstständigen Gemeinden Bestandteile einer Stadtgesellschaft wurden, die durch ihre ganz eigene kulturelle Identität Wiesbaden zu einer spannenden und lebenswerten Großstadt machen.“

Das Buch lädt Geschichtsinteressierte dazu ein, vertraute Stadtteile aus der Perspektive der damaligen Entscheidungsträger völlig neu zu entdecken.

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InfoBox

Die Fakten zum Buch im Überblick:

  • Titel: „Wiesbaden grüßt seine neuen Bürger. 100 Jahre Eingemeindungen nach Wiesbaden“ (Band 19 der Schriften des Stadtarchivs Wiesbaden).

  • Herausgeber: Dr. Peter Quadflieg.

  • Umfang & Ausstattung: 480 Seiten, Hardcover mit zahlreichen historischen Quellen und Abbildungen.

  • Inhalt: Dokumentation der Eingemeindungswellen der 1920er und 1970er Jahre, AKK-Vororte, Ausgliederung Georgenborns, Verhandlungsakten zu Finanzen und Infrastruktur.

  • ISBN: 978-3-9825083-4-4.

  • Preis: 34,99 Euro.

  • Bezug: Erhältlich über das Stadtarchiv Wiesbaden sowie im regionalen Buchhandel.