Innenstadt im Wandel

Neue Zahlen enthüllt: Wie zukunftsfähig ist das Wiesbadener Zentrum?

Online-Handel, verändertes Kaufverhalten und schwindende Besucherströme stellen das Wiesbadener Fünfeck vor spürbare Herausforderungen. Eine umfassende Untersuchung des Amts für Statistik deckt nun auf, wo der Schuh bei Gewerbetreibenden und Passanten besonders drückt. Während Erreichbarkeit und Gastronomie punkten, fordern Bürger und Händler an ganz anderen Stellen dringende Nachbesserungen mit teils überraschenden Erkenntnissen.

Von: |Erschienen am: 7. September 2026 17:29|

Archivfoto

Das Amt für Statistik und Stadtforschung hat die umfassende Stadtanalyse „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ (ZIZ) vorgelegt. Das Papier zieht eine klare Bilanz: Der kontinuierlich wachsende Online-Handel, ein verändertes Konsumverhalten der Bürger sowie leicht rückläufige Passantenströme machen eine abgestimmte und auf verlässlichen Daten basierende Weiterentwicklung der Wiesbadener City erforderlich.

Wer sich detailliert mit den Ergebnissen befassen möchte, findet die Untersuchung kostenfrei im Internet im Publikationsbereich des Amts unter www.wiesbaden.de/statistik beziehungsweise direkt unter www.wiesbaden.de/leben-wohnen/stadtportraet/daten-fakten/publikationen.

Wissenschaftliche Begleitung im Fünfeck

Die Wiesbadener City steht derzeit unter erheblichem Anpassungsdruck, der durch die fortschreitende Digitalisierung, den Wandel in den Mobilitäts- und Einkaufsgewohnheiten, den demografischen Wandel sowie die Nachwirkungen der Corona-Pandemie ausgelöst wird. Das städtische Citymanagement setzte im Rahmen des Förderprogramms ZIZ daher gezielte Impulse im Historischen Fünfeck.

Das Amt für Statistik und Stadtforschung hat diesen Prozess wissenschaftlich betreut. Dabei wurden Befragungen unter Gewerbetreibenden und Passanten durchgeführt sowie Messdaten zu den Fußgängerfrequenzen erhoben. Die neu veröffentlichte Stadtanalyse stellt das finale Fazit dieser Begleitforschung dar.

Sicht der Gewerbetreibenden

Aus der Auswertung geht hervor, dass der Einkauf vor Ort im klassischen Einzelhandel nach wie vor das Hauptmotiv für einen Besuch des Zentrums darstellt. Allerdings verschieben E-Commerce und neue Einkaufsgewohnheiten die wirtschaftliche Basis der lokalen Geschäfte. Die Unternehmen vor Ort schätzen die Rahmenbedingungen am Standort folglich zwiespältig ein.

Während Aspekte wie kommunale Gebühren, die personelle Verfügbarkeit von Fachkräften sowie die kundenseitige Nachfrage als belastend empfunden werden, schneidet die Anbindung an das Verkehrsnetz und den ÖPNV vergleichsweise positiv ab. Um das Geschäft langfristig zu sichern, fordern die Gewerbetreibenden branchenübergreifend vor allem moderatere Mietpreise, mehr Sauberkeit im öffentlichen Raum sowie ein gesteigertes Sicherheitsgefühl.

Wünsche der Passanten

Bei der Passantenbefragung zeichnen sich die veränderten Prioritäten der Besucher ebenfalls deutlich ab. Gegenstände des täglichen Bedarfs werden seltener in den Fußgängerzonen erworben, da hierfür verstärkt digitale Kanäle genutzt werden. Nichtsdestotrotz bleibt das Zentrum eine gefragte Adresse für den Kauf langlebiger Güter, Restaurantbesuche, Spaziergänge sowie den Besuch von Kultur- und Freizeitangeboten.

Die Befragten schätzen insbesondere die Erreichbarkeit, den Komfort, das Preis-Leistungs-Verhältnis sowie die fachliche Beratung und Produktqualität vor Ort. Ergänzend wünschen sich viele Bürger erweiterte Angebote in den Bereichen Gastronomie, Kunst, Kultur, Sport und Spiel sowie mehr Plätze zum Verweilen ohne Konsumzwang.

Aufenthaltsqualität und Wohlbefinden

Die Wahrnehmung der Atmosphäre im Zentrum fällt zwar uneinheitlich aus, zeigt aber im Vergleich zu früheren Erhebungen eine leichte Aufwärtstendenz. Grundsätzlich wird die City von vielen Menschen als ansprechend und sicher wahrgenommen, wobei Müll und Lärmbelästigung weiterhin als störende Faktoren genannt werden.

Auffällig ist zudem, dass sich Personen unter 18 Jahren sowie Senioren über 55 Jahren im Zentrum weniger wohlfühlen. Dies verdeutlicht den Bedarf an speziell gestalteten, altersgerechten Aufenthaltsbereichen, die ohne Konsumdruck genutzt werden können.

Entwicklung der Passantenfrequenzen

Die Auswertung der Messdaten zeigt eine leicht rückläufige Frequentierung der Innenstadt: Die Zahl der Besucher sank von 10,1 Millionen im Mai 2023 auf 9,5 Millionen im Mai 2025. Gleichzeitig zeigen sich deutliche Unterschiede in der Verteilung der Passantenströme auf die einzelnen Quartiere.

Während die klassische Fußgängerzone unverändert hohe Besucherzahlen anzieht, verzeichnet das Innere Westend zu bestimmten Tageszeiten eine vergleichbare oder sogar höhere Dichte. Das Gebiet sollte daher für eine ganzheitliche Innenstadtentwicklung stärker berücksichtigt werden.

Sechs zentrale Handlungsfelder

Basierend auf den gesammelten Erkenntnissen werden in der Stadtanalyse sechs zentrale Handlungsfelder für die Wiesbadener Innenstadt definiert: evidenzbasierte Analysen, die Stärkung von Einzelhandel und Gastronomie, das Schaffen konsumfreier Zonen, die Optimierung von Sauberkeit und Aufenthaltsqualität, der Ausbau von Verkehr und Erreichbarkeit sowie eine begleitende Kommunikation und Imagearbeit.

Erforderlich ist laut der Analyse eine integrierte Innenstadtentwicklung, die diese Handlungsfelder zusammenführt und auf einer verstetigten, methodisch belastbaren Beobachtung der Innenstadtentwicklung basiert. Ansprechpartner für Rückfragen zur Studie ist das Amt für Statistik und Stadtforschung unter der Telefonnummer 0611 / 315691 oder per E-Mail an amt-fuer-statistik-und-stadtforschung@wiesbaden.de.

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