Kulturabend
Gänsehaut-Atmosphäre in Wiesbaden: Stimmen verzaubern die Nacht der Kirchen
Zwölf Gotteshäuser, stimmungsvolles Spätsommerwetter und ein vielseitiges Programm: Bei der traditionellen Nacht der Kirchen herrschte in der Wiesbadener Innenstadt echte Ausnahmestimmung. Zwischen mitreißenden Rhythmen, Besinnlichkeit und stimmungsvollen Begegnungen erlebten die vielen Besucher emotionale Höhepunkte und ein ganz bestimmtes Phänomen, das diesen Freitagabend einzigartig machte.
Fotos: Andrea Wagenknecht / Ev. Dekanat Wiesbaden
Ein zentrales Motto prägte den Freitag, 04. September, in der Landeshauptstadt: Unter der Devise „Singen verbindet“ öffneten zwölf Gotteshäuser in der Wiesbadener Innenstadt ihre Türen.
Zahlreiche Interessierte folgten der Einladung und verwandelten die Sakralbauten in lebendige Stätten des Ausstauschs, der Musik sowie der geistlichen Besinnung. Das gemeinsame Musizieren stand dabei im Mittelpunkt des Geschehens.
Auftakt im Herzen Wiesbadens
Der Startschuss fiel um 18:00 Uhr mit einer ökumenischen Eröffnungsandacht im Freien vor der Marktkirche. Auf dem neu gestalteten Schlossplatz kamen bei optimalen spätsommerlichen Witterungsbedingungen mehr als 100 Menschen zusammen.
Für den passenden musikalischen Rahmen sorgte das Ensemble „Kirchenblech“ unter der Leitung des katholischen Kantors Roman Bär, das den Gemeindegesang begleitete.
Kraftquelle und seelischer Balsam
Die Mitwirkenden hoben die emotionale Bedeutung des Gesangs hervor. So unterstrich die evangelische Stadtkirchenpfarrerin Bettina Friemelt: „Beim Singen spüren wir Energie und Lebenskraft“. Auch Jürgen Otto, Leiter der katholischen Region Wiesbaden | Rheingau | Taunus, pflichtete bei und ergänzte: „Singen tut doch so gut, ist Balsam für die Seele.“
Der katholische Regionalleiter erläuterte weiter, dass vokale Musik den unterschiedlichsten Empfindungen Raum gebe. Otto führte aus: „Trauer, Verzweiflung, aber auch Freude, Hingabe – mein ganzer Körper klingt mit, schwingt mit.“
Gegenmittel in unruhigen Zeiten
Insbesondere in gesellschaftlich herausfordernden Phasen erfahre das gemeinsame Stimmen von Liedern eine besondere Relevanz. Pfarrerin Friemelt bezog dazu klar Stellung: „Wir hören derzeit wieder hasserfüllte Parolen, es werden Mauern hochgezogen“.
Die Seelsorgerin richtete im Anschluss ein Gebet an die Gemeinschaft und fuhr fort: „Du Gott, bist Trotzkraft. Lehre du uns Singen, gerade wenn die Welt nicht zum Singen einlädt.“ Sie verwies zudem auf ein bekanntes Sprichwort und betonte abschließend: „Wer singt, betet bekanntlich doppelt – und doppeltes Beten ist das, was wir derzeit brauchen.“
Vielfältige Genres zum Mitmachen
Die Begeisterung des Publikums hielt über den gesamten Verlauf des Abends an. Das musikalische Angebot zeichnete sich durch eine große stilistische Bandbreite aus: Von Gesängen aus Taizé über Gospel und Werke von Paul Gerhardt bis hin zu US-amerikanischen Folksongs wurden die Anwesenden in zahlreichen Kirchen aktiv zum Mitsingen eingeladen. Die Gotteshäuser blieben lückenlos gefüllt und die Freude am gemeinsamen Singen war überall wahrnehmbar.
Auch jenseits des eigenen Musizierens bot der Abend ein ausgedehntes Kulturprogramm. Der Kammerchor des Bachchors gab ein Konzert vor voll besetzten Rängen in der Lutherkirche, während in der katholischen Kirche Dreifaltigkeit Orgelwerke von Bach ertönten. Die anglikanische Gemeinde lud traditionell zum Evensong ein.
Umfangreiches Rahmenprogramm und Ökumene
Abgerundet wurde das Geschehen durch ein breit gefächertes Kulturprogramm. Führungen durch Kirchen, Türme und Orgelanlagen standen ebenso auf dem Plan wie Lesungen, Kunstausstellungen, Filmvorführungen und Andachten. Darüber hinaus boten sich den Besuchern vielfältige Gelegenheiten für persönliche Gespräche und Begegnungen.
Die Nacht der Kirchen in Wiesbaden gehört seit mehr als zwei Jahrzehnten zum festen Veranstaltungskalender der Stadt. Die Ausrichtung erfolgt gemeinschaftlich durch evangelische, katholische, altkatholische, anglikanische sowie neuapostolische Gemeinden. Das Format versteht sich als Ausdruck gelebter ökumenischer Vielfalt und lädt Menschen ungeachtet ihrer Konfession oder Religionszugehörigkeit ein, die Gotteshäuser als Orte der Gastfreundschaft, Kultur und des Glaubens neu zu entdecken. Der Eintritt zu sämtlichen Programmpunkten war traditionell kostenfrei.
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