Visuelle Poesie
Trauma, Tanz und Tonerde: Emotionale Schau über Menschenrechte im Kunsthaus
Wie lassen sich historische Traumata und die unbändige Sehnsucht nach Überleben in greifbare Formen verwandeln? Eine renommierte Londoner Künstlerin bringt genau diese tiefgreifenden Erfahrungen nun erstmals in einer exklusiv adaptierten Fassung nach Wiesbaden und Deutschland. Die Kunstinteressierten erwartet ein faszinierendes Zusammenspiel aus Film und ausdrucksstarken Choreografien, das die Grenzen zwischen leblosem Objekt und menschlicher Empathie verschwimmen lässt.
Fotos: Patrick Baeuml
Das Wiesbadener Kunsthaus am Schulberg 10 öffnet seine Türen für eine neue, tiefgründige Präsentation. Von Donnerstag, dem 27. August, bis zum Sonntag, dem 8. November, haben Besucher die Gelegenheit, die Ausstellung „Grace Schwindt — Autumn Leaves (Witnesses)“ zu besichtigen.
Das Herzstück der Schau, „Autumn Leaves“, ist eine eigens für die Wiesbadener Räumlichkeiten angepasste Version eines mehrteiligen Kunstwerks, das hiermit zum ersten Mal dem deutschen Publikum gezeigt wird.
Menschenrechte im Fokus von Grace Schwindt
Ursprünglich wurde die Arbeit unter dem Titel „Witnesses (Bones, Leaves and other creatures)“ für die Busan-Biennale 2022 in Südkorea erschaffen. Die international renommierte, in London ansässige Künstlerin Grace Schwindt widmet sich darin der dunklen Historie eines Arbeitslagers in Busan.
Dort begangene, schwere Menschenrechtsverletzungen sind bis in die Gegenwart kaum historisch aufgearbeitet worden.
Natur als Symbol der Hoffnung
Als Grundlage für die in der Kunsthalle präsentierten Skulpturen und Wandstickereien dienten Schwindt die persönlichen Berichte von Überlebenden des Lagers. Eine zentrale Bedeutung nahm dabei die Wahrnehmung der Natur auf dem Inhaftierungsgelände ein: Das Laub der dortigen Bäume verkörperte für die Insassen die drängende Sehnsucht nach Freiheit.
Um diese Emotionen materiell einzufangen, nutzte die Künstlerin für die Keramikglasuren ihrer Skulpturen originale Erde sowie Blätter vom historischen Ort des Geschehens. Die entstandenen Objekte machen auf berührende Art und Weise sowohl die Zerbrechlichkeit als auch die enorme Widerstandskraft des menschlichen Körpers und Geistes greifbar.
Neue Perspektiven durch Film und Tanz
Zusätzlich zu den plastischen Arbeiten umfasst die Ausstellung Schwindts filmisches Werk „A Vocabulary of Care“ aus dem Jahr 2025. Der Film hält eine performative Auseinandersetzung mit den Pflege- und Restaurierungsrichtlinien von Sammlungsgütern im M Museum Leuven fest. Dabei wandeln sich nüchterne Konservierungsarbeiten zu empathischen Gesten, die eine völlig veränderte Beziehungsdynamik zwischen Mensch und Ausstellungsstück aufzeigen.
Ein weiteres Highlight erwartet die Gäste im Rahmen des Tanzfestivals Rhein-Main, wenn im Ausstellungsraum der Aula das „Bewegungsarchiv“ der Künstlerin zusammen mit dem Hessischen Staatsballett aufgeführt wird. Dieses Projekt basiert maßgeblich auf den Tagebuchaufzeichnungen von Caecilie Lewissohn. Die jüdisch-deutsche Pianistin überlebte während der NS-Diktatur fünf Monate im Berliner Untergrund. Da Farben und Pflanzen in ihren Aufzeichnungen eine herausragende Rolle spielen, wurde der Raum von Schwindt für diese Vorführungen in besonderer Weise konzipiert.
Eine vielseitige Künstlerin
Grace Schwindt zeichnet sich durch eine medienübergreifende Arbeitsweise aus, die Film, Zeichnung, Malerei, Performance und Skulptur vereint. Im Zentrum ihres Schaffens steht oft die Funktion des Körpers in Verbindung mit Sprache und Gegenständen bei der Entstehung von Erinnerung und Geschichte. Sie wird von der Peter Kilchmann Gallery mit Standorten in Paris und Zürich vertreten und präsentiert ihre Kunstwerke international in diversen Einzel- und Gruppenschauen. Wweitere Informationen unter www.graceschwindt.net.
Dem Wiesbadener Publikum ist die Künstlerin nicht unbekannt: Bereits im Jahr 2023 war sie Teil der Jubiläumsausstellung „The Tide is High“ der Hessischen Kulturstiftung, die das 30-jährige Bestehen ihres Stipendienprogramms ebenfalls im Kunsthaus feierte. Die aktuelle Schau wird zudem abermals von der Hessischen Kulturstiftung gefördert.
Feierliche Eröffnung
Der Startschuss für die von Jana Dennhard kuratierte Ausstellung fällt am Mittwoch, 26. August, um 19:00 Uhr. Bei der Eröffnungsfeier werden neben der Künstlerin und der Kuratorin auch die Leiterin des Kunsthauses, Monique Behr, sowie Eva Claudia Scholtz als Geschäftsführerin der Hessischen Kulturstiftung anwesend sein.
Für die passende musikalische Untermalung des Abends sorgt DJ Trude Johnson, die mit tanzbaren Rhythmen beim sogenannten Speed-Dancing unterhalten wird.
Performances und Führungen
Das umfangreiche Begleitprogramm bietet tiefere Einblicke, etwa durch die Performance „Love Letter to Those Who Did Not Survive“, die Grace Schwindt gemeinsam mit dem Hessischen Staatsballett umsetzt. Diese im Zuge des Tanzfestivals Rhein-Main stattfindende Veranstaltung ist für Samstag, den 31. Oktober, um 18:00 Uhr sowie für Sonntag, den 1. November, angesetzt. Am Sonntag beginnt das Programm um 15:15 Uhr mit einem Vorgespräch, gefolgt von der eigentlichen Performance um 16:00 Uhr.
Wer sich von Expertinnen durch die Ausstellung leiten lassen möchte, kann an den öffentlichen Führungen mit Jessica Neugebauer-Boscheck teilnehmen. Diese sind für Donnerstag, 17. September um 18:00 Uhr, sowie für die Sonntage am 27. September und 25. Oktober, jeweils 15:00 Uhr geplant. Zudem führt Kuratorin Jana Dennhard am Sonntag, 11. Oktober, um 14:00 Uhr durch die Räume. Eine spezielle Dialogführung mit der Kuratorin und Grace Schwindt persönlich steht am Freitag, 30. Oktober, um 15:00 Uhr auf dem Programm.
Inklusion und Anmeldung
Großer Wert wird auf die Zugänglichkeit der Ausstellung im Wiesbadener Kunsthaus gelegt. So bieten Lilian Korner und Esther Poppe am Donnerstag, dem 1. Oktober, um 14:00 Uhr eine inklusive, barrierefreie Führung für sehende sowie nichtsehende Menschen an. Auf spezielle Nachfrage lassen sich zudem separate Rundgänge für gehörlose Personen und Menschen mit Seheinschränkungen organisieren.
Für Schulklassen, die an Kunst und Kultur interessiert sind, sind Besuche mit Führung ab der neunten Jahrgangsstufe möglich. Für sämtliche Führungen wird um eine vorherige Anmeldung per E-Mail an bildende.kunst@wiesbaden.de gebeten. Erfreulich für alle Kulturinteressierten: Der Eintritt zu der Ausstellung sowie zu allen zugehörigen Veranstaltungen und Führungen ist komplett kostenfrei.
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Infobox
Programm:
Eröffnung der Ausstellung am Mittwoch, 26. August, um 19:00 Uhr
„Love Letter to Those Who Did Not Survive“, Performance mit Grace Schwindt und dem Hessischen Staatsballett: Samstag, 31. Oktober, 18:00 Uhr,
Sonntag, 1. November, 15:15 Uhr, Vorgespräch und 16:00 Uhr Performance (eine Veranstaltung im Rahmen des Tanzfestivals Rhein-Main).
Führungen: Öffentliche Führungen mit Jessica Neugebauer-Boscheck
Donnerstag, 17. September, 18:00 Uhr
Sonntag, 27. September, 15:00 Uhr
Sonntag, 25. Oktober, 15:00 Uhr.
Kuratorinnenführung mit Jana Dennhard am Sonntag, 11. Oktober, 14:00 Uhr
Dialogführung mit Grace Schwindt und Jana Dennhard am Freitag, 30. Oktober, 15:00 Uhr.
Barrierefreie Führung für Sehende und Nichtsehende mit Lilian Korner und Esther Poppe am Donnerstag, 1. Oktober, 14:00 Uhr.
Anmeldung unter bildende.kunst@wiesbaden.de. Führungen für seheingeschränkte und gehörlose Menschen auf Anfrage. Führungen für Schulklassen:Es werden Führungen ab der 9. Klasse angeboten, Anmeldung: bildende.kunst@wiesbaden.de.
Zu den Veranstaltungen und den Führungen ist der Eintritt frei.


