Lokale Chronik

Geburten, Kriege, Epidemien: 140 Jahre Wiesbadener Pflegegeschichte werden digital

Von dramatischen Typhus-Wellen im 19. Jahrhundert über geheime Marschbefehle im Weltkrieg bis hin zu Tausenden Wiesbadener Geburten: Im Keller eines Wiesbadener Pflegeheims schlummerte jahrzehntelang ein faszinierendes Dokumentenarchiv. Nun sind die Aufzeichnungen der Schwesternschaft Oranien erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich und enthüllen überraschende Einblicke in das Leben unserer Vorfahren.

Von: |Erschienen am: 24. August 2026 14:13|

Foto: Stadtarchiv Wiesbaden, Ulrike Heinisch

Über 400 bedeutsame Zeugnisse aus der Geschichte der Rotes Kreuz Schwesternschaft Oranien seit dem Jahr 1891 stehen ab sofort für Forschung und Öffentlichkeit bereit. Die wertvollen Dokumente wurden vom Stadtarchiv Wiesbaden aufwendig aufbereitet und sind nun sowohl im dortigen Lesesaal als auch über die digitale Plattform „Arcinsys Hessen“ einsehbar.

Rotkreuzschwestern

Die Rotkreuzschwestern sind fester Bestandteil der weltweiten Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung. In ihrem Handeln verpflichten sie sich strengen humanitären sowie ethischen Richtlinien, um Menschen unabhängig, neutral und unparteiisch beizustehen.

Bundesweit engagieren sich in 32 rein weiblichen Schwesternschaften mehr als 20.000 Mitglieder auf Basis der Grundsätze von Freiwilligkeit, Einheit und Universalität.

Einrichtungen in Wiesbaden

Der eigenständige Wiesbadener Verein zählt aktuell rund 100 Mitglieder und gehört dem Verband der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz e.V. an.

Die Schwesternschaft tritt in der Landeshauptstadt als Trägerin verschiedener Einrichtungen auf: Neben dem „Haus der Altenpflege“ mit mehr als 100 Pflegeplätzen betreibt sie spezielle Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz sowie die Birgit-Jung-Pflegeschule zur Ausbildung eigener Nachwuchskräfte.

Akten dauerhaft zugänglich

Die Mitglieder der Schwesternschaft bringen sich direkt in diesen Einrichtungen ein, wobei eine Vereinsmitgliedschaft nicht für das gesamte angestellte Personal verpflichtend ist.

Durch die Übergabe der historischen Akten an das Stadtarchiv Wiesbaden wird die lange Tradition der Organisation, die bis ins Jahr 1891 zurückreicht, nach fachgerechter Konservierung und Katalogisierung nun dauerhaft gesichert und zugänglich gemacht.

Vom Kellerarchiv in die Datenbank

Der Anstoß zur Übergabe erfolgte im Frühjahr dieses Jahres durch die Vorsitzende der Schwesternschaft, Jutta Oehlschlägel. Zuvor lagerten die Amtsbücher und Dokumente, die Oehlschlägel als einen „Schatz für die Geschichte der Schwesternschaft und der Krankenpflege“ bezeichnet, im Untergeschoss des „Hauses der Altenpflege“ in der Schönen Aussicht 41. Das Team des Stadtarchivs übernahm die Neuverpackung, Erfassung in einer Datenbank und Einlagerung im klimatisierte Magazin unter der Kennung V 105.

Der mehr als 400 Einheiten umfassende Bestand deckt die Zeitspanne ab 1891 ab und lässt sich bequem über das Archivinformationssystem „Arcinsys Hessen“ durchsuchen. Hinsichtlich der wissenschaftlichen Aufarbeitung äußerte die Vereinsvorsitzende Jutta Oehlschlägel: „Ich hoffe, dass diese Unterlagen bald ausgewertet werden und unter anderem die Bedeutung der Schwesternschaft als Bildungseinrichtung für Frauen vor dem Zweiten Weltkrieg erforscht wird“. Kulturdezernent Dr. Hendrik Schmehl betonte: „Die Unterlagen dokumentieren auf eindrückliche Weise das beeindruckende karitative Engagement der Schwesternschaft in Wiesbaden.“

Historische Dokumente und Datenschutz

Der übernommene Bestand enthält unter anderem lückenlose Kranken- und Patientenzustandsbücher aus den Jahren 1892 bis 1959, Operationsjournale seit 1920, Tagebücher der Hebammen ab 1910 sowie Geburtenregister ab 1984.

Bei der Nutzung gelten jedoch klare gesetzliche Vorgaben. Stadtarchivdirektor Dr. Peter Quadflieg erläuterte dazu: „Dabei unterliegen diese Dokumente selbstverständlich den strengen Vorschriften des Hessischen Archivgesetzes in Bezug auf Datenschutz“. Weiter führte er aus: „Erst wenn die entsprechenden Schutzfristen abgelaufen sind, können die Unterlagen frei im Archiv genutzt werden.“

Anfänge der Organisation

Die Wurzeln der Vereinigung reichen noch weiter zurück: Bereits im Juni 1885 formierte sich der „Wiesbadener Verein vom Roten Kreuz“, um dem Mangel an geschultem Pflegepersonal im 1879 eröffneten Städtischen Krankenhaus an der Schwalbacher Straße entgegenzuwirken. Wie Stadtarchivleiter Peter Quadflieg berichtet:

„Die ersten vier Schwestern wurden schon bald sehr stark gefordert“. Er ergänzte: „Kurz nach der Gründung des Vereins brach in Wiesbaden eine verheerende Typhus-Epidemie aus, bei der die vier Schwestern das Städtische Krankenhaus unterstützten.“

Das erste Rotkreuz-Krankenhaus

Auch in den Folgejahren verblieb die Krankenpflege der städtischen Klinik in den Händen des Vereins. Einen bedeutenden Entwicklungsschritt markierte schließlich das Jahr 1892, als die Schwesternschaft an der Schönen Aussicht ihr erstes eigenes „Rotkreuz-Krankenhaus“ in Betrieb nahm. Jutta Oehlschlägel führte hierzu aus:

„Das Krankenhaus hatte 42 Betten und eine Krankenpflegeschule. In den folgenden Jahren kamen unter anderem ein Heim für Wöchnerinnen, ein Schwesternwohnheim und das Mutterhaus hinzu“.

Ende der Eigenständigkeit

Anlässlich des 50-jährigen Bestehens im Juni 1935 benannte sich die Organisation in „Deutsches Rotes Kreuz Schwesternschaft Oranien e.V.“ um. Bis dahin hatte die Vereinigung ihre organisatorische Eigenständigkeit gewahrt und war keinen übergeordneten Rotkreuz-Strukturen beigetreten. Archivleiter Quadflieg erklärte bezüglich der späteren Umbrüche:

„Dies änderte sich mit dem Reichsgesetz über das Deutsche Rote Kreuz von Dezember 1937“. Er führte weiter aus: „mit diesem Gesetz wurden alle selbständigen Rotkreuz-Organisationen im „Dritten Reich“ aufgelöst. Die Schwesternschaften wurden direkt dem Amt für Schwesternschaften im Präsidium des Deutschen Roten Kreuzes in Berlin unterstellt.“

Kriegsjahre

Während des Zweiten Weltkriegs gelangten mehr als 200 Schwestern sowie 400 Hilfsschwestern aus Wiesbaden im Wehrmacht-Sanitätsdienst, in mobilen Einheiten oder in Heimat-Reservelazaretten zum Einsatz.

Das Stadtarchiv verwahrt aus dieser Epoche unter anderem erhaltene „Marsch-Befehle“. Nach Kriegsende erfolgte im Dezember 1947 die formelle Neugründung unter der Bezeichnung „Rotes Kreuz Schwesternschaft Oranien e.V.“.

Nachkriegszeit, Ausbau und Neuausrichtung

In den 1950er-Jahren erfuhr das Rotkreuz-Krankenhaus in Wiesbaden eine umfassende Modernisierung samt Anbau, der drei moderne Operationssäle, zwei Entbindungsräume, ein Labor sowie Verwaltungsräume umfasste. Viele Wiesbadener Bürgerinnen und Bürger kamen in der Klinik zur Welt. Oehlschlägel merkte an: „Auch bekannte Ärzte haben hier operiert“. Bis zur Schließung der Einrichtung im Jahr 2005 versorgte das medizinische und pflegerische Fachpersonal unzählige Patientinnen und Patienten.

Nach der Aufgabe des Krankenhausbetriebs verlagerte die Schwesternschaft ihren Schwerpunkt vollständig auf die Seniorenbetreuung sowie spezialisierte Wohnkonzepte für Menschen mit Demenz. Weiterführende Informationen zum Stadtarchiv Wiesbaden und der Geschichte der Schwesternschaft sowie zum Bestand V 105 sind online unter www.wiesbaden.de/stadtarchiv sowie über arcinsys.hessen.de abrufbar.

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