Vortrag
Das deutsche Alibi: Historikerin Ruth Hoffmann zerlegt den „Mythos Stauffenberg“ im Wiesbadener Rathaus
Das Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 gehört zu den zentralen Fixpunkten der deutschen Geschichte – doch der Umgang mit dem Widerstand um Claus Schenk Graf von Stauffenberg war über Jahrzehnte hinweg tief gespalten. Anlässlich des bevorstehenden Jahrestages lädt das Stadtarchiv Wiesbaden zu einem hochspannenden und kritischen Vortrag im Rathaus ein. Die Historikerin und Journalistin Ruth Hoffmann zeigt auf, wie der Umsturzversuch nach 1945 oft verklärt und politisch instrumentalisiert wurde.
Foto: Veranstalter
Es ist ein Thema, das bis heute Diskussionsstoff bietet. Wie blicken wir auf den Widerstand gegen den Nationalsozialismus? Am Mittwoch, 15. Juli, beleuchtet das Stadtarchiv Wiesbaden diese Frage aus einer erfrischend kritischen Perspektive. Um 18:00 Uhr stellt die renommierte Historikerin und Journalistin Ruth Hoffmann im Festsaal des Wiesbadener Rathauses, Schlossplatz 6, ihr aktuelles Buch vor. Ihr Werk trägt den provokanten, aber treffenden Titel: „Das deutsche Alibi. ‚Mythos Stauffenberg-Attentat‘ – wie der 20. Juli 1944 verklärt und politisch instrumentalisiert wird“.
Vom „Landesverräter“ zum demokratischen Vorbild – Ein widersprüchlicher Prozess
In ihrem Vortrag bricht Hoffmann radikal mit der heutigen, oft unkritischen Annahme, dass die Verschwörer rund um Stauffenberg in Deutschland schon immer pauschal als Helden oder Wegbereiter der modernen Demokratie gefeiert wurden. Tatsächlich zeichnet sie den Weg dorthin als das Ergebnis eines zutiefst widersprüchlichen erinnerungskulturellen Prozesses nach.
In den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit war die gesellschaftliche Ablehnung noch riesig: Für weite Teile der bundesdeutschen Bevölkerung galten die Beteiligten des Umsturzversuchs lange Zeit schlichtweg als „Landesverräter“ und „Eidbrecher“. Der emotionale und moralische Wandel hin zu einer positiven Bewertung wurde erst durch eine psychologische Dynamik in Gang gesetzt: Ehemalige Mitläufer, Täter und Wegseher des NS-Regimes versuchten zunehmend, sich durch eine nachträgliche Stilisierung als „Widerstandskämpfer“ gegenüber dem Ausland reinzuwaschen und als Gegner der Nationalsozialisten zu positionieren. Diese Bewegung war und ist bis heute von skandalösen Vereinnahmungen und beschämenden Versäumnissen geprägt.
Wie tief der Riss in der Gesellschaft saß, belegen auch die Zahlen: Erst im Jahr 2004 ergab eine offizielle Infratest-Umfrage zum allerersten Mal eine überwiegend positive Bewertung des Attentats in der deutschen Bevölkerung. Hoffmanns Buch und ihr Vortrag bieten daher eine fundierte und notwendige Grundlage, um diesen komplexen und hochpolitischen Teil der deutschen Erinnerungskultur besser zu verstehen.
Anschluss-Gedenken an der Installation „Für Demokratie“
Der Abend endet jedoch nicht mit dem theoretischen Diskurs im Festsaal. Im Anschluss an den Vortrag wechselt die Veranstaltung die Kulisse: An der Gedenkinstallation „Für Demokratie“ im Foyer des Rathauses wird ganz konkret der mutigen Wiesbadener Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer gedacht, die sich während der NS-Diktatur in der Landeshauptstadt aufgelehnt haben.
Da die Plätze im Festsaal erfahrungsgemäß begehrt sind, wird um eine vorherige Anmeldung per E-Mail unter veranstaltung-stadtarchiv@wiesbaden.de gebeten.
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