Geschichte
Nach drei Jahren Schließung: KZ-Gedenkstätte „Unter den Eichen“ wiedereröffnet – Letztes Opfer erhält ein Gesicht
Ein zutiefst bewegender Moment für die Wiesbadener Erinnerungskultur. Nach einer dreijährigen Schließungs- und Forschungsphase wurde die KZ-Gedenkstätte „Unter den Eichen“ feierlich wiedereröffnet. Im Zentrum der komplett neugestalteten Dauerausstellung steht das Schicksal der rund 100 Zwangsarbeiter des ehemaligen SS-Außenlagers. Dank einer historischen Entdeckung aus Luxemburg konnte kurz nach der Eröffnung eine schmerzhafte Leerstelle geschlossen werden: Das sechste und letzte Todesopfer des verheerenden Bombenangriffs von 1944 hat nach jahrzehntelanger Suche endlich ein Gesicht erhalten.
Foto: Stadt Wiesbaden
Wegen des unbeständigen Maiwetters musste die offizielle Gedenkstunde am 12. Mai kurzfristig von der eigentlichen Gedenkstätte in die schützenden Räumlichkeiten der angrenzenden Hochschule RheinMain verlegt werden. Die Ortswahl war dennoch historisch symbolträchtig: Genau dort, wo heute Studierende auf dem modernen Campus „Unter den Eichen“ ein- und ausgehen, befand sich mitten im Zweiten Weltkrieg das grausam strukturierte Wiesbadener Außenlager des SS-Sonderlagers/KZ Hinzert.
Das letzte bauliche Zeugnis – Zwangsarbeit unter dem Reitplatz
Die Geschichte des Lagers begann am 20. März 1944. Um die Wiesbadener Dienststellen des Höheren SS- und Polizeiführers Rhein/Westmark vor den zunehmenden alliierten Luftangriffen im Stadtzentrum (Uhlandstraße 4 und 5) zu schützen, wich die SS an den damaligen Stadtrand aus. Für den Bau dieser Ausweichstellen forderte die SS zunächst 57 männliche Häftlinge aus dem KZ Hinzert im Hunsrück an, im September folgte ein zweiter Transport mit weiteren 19 Männern.
Zur Zeit der stärksten Belegung waren rund 100 Häftlinge im Wiesbadener Außenlager interniert – vorwiegend Männer aus Luxemburg, aber auch aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Unter systematisch menschenunwürdigen Bedingungen mussten sie für die SS härteste Zwangsarbeit leisten. Ihr Hauptauftrag: Der Bau eines massiven Bunkers unterhalb des heutigen Reit- und Turnierplatzes „Unter den Eichen“. Dieser Bunker ist heute das letzte erhaltene bauliche Zeugnis, das in Wiesbaden unmittelbar an das Schreckensregime des Lagers erinnert.
Überlebenden-Interviews formen den „Alltag der Willkür“
Die neue Dauerausstellung, konzipiert und intensiv erforscht vom Stadtarchiv Wiesbaden, rückt das Schicksal der Häftlinge kompromisslos in den Fokus. Die Historiker konnten hierfür auf umfangreiche und emotionale Interviews mit Überlebenden des Außenlagers zurückgreifen. Diese authentischen Berichte waren essenziell, um die Dynamik der Häftlingsgemeinschaft und das Leiden zu dokumentieren.
„Wenn wir uns den Alltag im Lager vorstellen, dann müssen wir uns von jeder Idee eines normalen, selbstbestimmten Lebens verabschieden. Der Alltag war geprägt von Willkür, Gewalt und systematischer Entwürdigung“, fand Sylvie Lucas, Botschafterin des Großherzogtums Luxemburg, in ihrer Ansprache klare Worte. Für sie ist der historische Ort ein Auftrag an die Gegenwart: „Wir müssen sie verstehen. Wir müssen sie in unsere Gegenwart übersetzen und an zukünftige Generationen weitergeben.“
Auch der französische Generalkonsul Nicolas Bergeret fand deutliche Worte bezüglich der aktuellen Weltlage und hob Gedenkstätten als Bollwerke gegen Revisionismus hervor: „Geschichtsfälscher manipulieren Bilder und Texte, um das Gift der Spaltung, des Konflikts und der Lüge zu verbreiten. Vergessen ist keine Option.“
Sensationeller Fund – Alphonse Weber hat ein Gesicht
Der emotionalste Moment der Wiedereröffnung stand ganz im Zeichen des Gedenkens an die sechs Toten des alliierten Bombenangriffs auf das Lager am 18. Dezember 1944. Bislang fehlte in der Dauerausstellung ausgerechnet das Foto des damals erst 26-jährigen Luxemburgers Alphonse Weber. Trotz intensiver Recherchen des Stadtarchivs, die bis in Webers Geburtsgemeinde reichten, blieb die Suche erfolglos.
Die Erlösung brachte die Zusammenarbeit mit der luxemburgischen Organisation „Fédération des Enrôlés de Forces, Victimes du Nazisme“ rund um ihren Präsidenten Joseph Lorent, deren Vorstandsmitglieder an der Gedenkstunde teilnahmen. Die Fédération, die eine umfassende Online-Datenbank zur NS-Verfolgung in Luxemburg pflegt, stieß kurz nach der Eröffnung auf ein Porträtfoto von Alphonse Weber. Diese historische Leerstelle wird nun geschlossen: Die Erinnerungstafel befindet sich bereits in der Überarbeitung und wird in den kommenden Wochen fest in die Ausstellung integriert.
Zum Abschluss der Gedenkstunde betonte Wiesbadens Kulturdezernent Dr. Hendrik Schmehl (SPD) die wachsende Herausforderung, da immer mehr Zeitzeugen versterben. Ein zeitgemäßes Gedenken müsse daher sowohl die Opfer würdigen als auch die Verbrechen und die Täterschaft hier vor Ort beim Namen nennen. Im Anschluss begleitete die Gesellschaft den Kulturdezernenten zur feierlichen Kranzniederlegung in der Gedenkstätte.
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InfoBox
Die Gedenkstätte kompakt auf einen Blick:
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Was: Wiedereröffnung der KZ-Gedenkstätte „Unter den Eichen“ mit neuer Dauerausstellung.
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Historie: Ehemaliges Außenlager des KZ Hinzert für rund 100 Häftlinge (eingerichtet am 20. März 1944).
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Besonderheit: Das Foto des Bombentodesopfers Alphonse Weber (26) wurde dank der Fédération aus Luxemburg gefunden und wird nachträglich in die Schau integriert.
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Öffnungszeiten: Die Gedenkstätte ist ab sofort immer samstags von 14:00 bis 16:00 Uhr für die Öffentlichkeit geöffnet.
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Rundgänge: Individuelle Führungen können beim Stadtarchiv Wiesbaden per E-Mail an stadtarchiv@wiesbaden.de oder telefonisch unter 0611 / 314740 angefragt werden.

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