Gegen das Vergessen: KZ-Gedenkstätte „Unter den Eichen“ öffnet mit neuer Ausstellung

Ein dunkles Kapitel der Wiesbadener Stadtgeschichte rückt wieder ins Licht der Öffentlichkeit: Nach umfassender Neukonzeption öffnet die Gedenkstätte „Unter den Eichen“ im Mai ihre Pforten. Die moderne Dauerausstellung im ehemaligen SS-Bunker dokumentiert das Schicksal luxemburgischer Zwangsarbeiter und macht das NS-Unrecht im Wiesbadener Norden sichtbar.

Von: |Erschienen am: 2. April 2026 16:23|

Foto: Stadtarchiv Wiesbaden / Marc Hegemann

Es ist ein unscheinbarer Betonbau am Waldrand, der eine grauenvolle Geschichte erzählt. Von 1944 bis 1945 existierte auf dem ehemaligen Reit- und Turnierplatz „Unter den Eichen“ in Wiesbaden-Nord ein Außenlager des KZ Hinzert. Nach intensiver Forschungsarbeit des Stadtarchivs wurde die dortige Gedenkstätte nun technisch saniert und inhaltlich völlig neu aufgestellt.

Sklavenarbeit für die SS-Elite

Die Geschichte des Lagers ist eng mit der SS-Bürokratie verknüpft. Um Dienststellen vor alliierten Luftangriffen aus der Innenstadt an den Stadtrand zu verlagern, forderte die SS Häftlinge aus dem Hunsrück an. „In der Hochphase internierte die SS hier rund 100 Männer“, erklärt Dr. Katherine Lukat vom Stadtarchiv. Sie wurden in der NS-Zeit als Opfergruppe lange wenig wahrgenommen, obwohl allein aus dem besetzten Großherzogtum knapp 1.600 Männer in das KZ Hinzert verschleppt wurden.

Besonders bedrückend: Die Gefangenen, größtenteils Widerstandskämpfer aus Luxemburg, mussten Dienstwohnungen für hochrangige NS-Verbrecher wie Jürgen Stroop renovieren oder Bombentrümmer in der City räumen. Während die SS-Mitarbeiter bei Luftangriffen Schutz im eigens von Häftlingen erbauten Bunker suchten, wurde den Zwangsarbeitern der Zutritt verwehrt. Am 18. Dezember 1944 starben sechs Luxemburger im Bombenhagel, weil die SS sie mit Waffengewalt aus dem Bunker fernhielt.

Zwangsarbeit in Wiesbaden

Die Häftlinge mussten in Wiesbaden harte Zwangsarbeit leisten. Sie renovierten unter anderem Dienstwohnungen für SS-Größen wie Jürgen Stroop, räumten Bombentrümmer in der Innenstadt und arbeiteten in Wiesbadener Betrieben. Zudem wurden sie zum Bau eines Bunkers gezwungen, der den Mitarbeitern der SS-Dienststellen Schutz bieten sollte.

Ein besonders schweres Kapitel war der Luftangriff vom 18. Dezember 1944, bei dem Bomben auf das Gelände fielen. Sechs luxemburgische KZ-Häftlinge starben dabei, nachdem ihnen der Zugang zum Bunker unter Androhung von Waffengewalt verweigert worden war. Das Lager wurde am 26. März 1945 aufgelöst, die verbliebenen Häftlinge nach Frankfurt verlegt; einigen gelang die Flucht.

Neue Ausstellung mit Außenbereich

Lange Zeit geriet das KZ-Außenlager in Wiesbaden in Vergessenheit. Erst 1991 wurde im Bunker die erste Dauerausstellung eröffnet. Nun ist die Gedenkstätte nach rund 35 Jahren inhaltlich und gestalterisch neu konzipiert worden. Ziel ist es, die historischen Ereignisse und Einzelschicksale mit zeitgemäßer Vermittlung stärker sichtbar zu machen.

Neu ist auch, dass die Gedenkstätte über den Innenraum hinaus wirkt. Großformatige Tafeln im Außenbereich machen den Ort deutlicher erkennbar und rücken die sechs am 18. Dezember 1944 getöteten Luxemburger ins Zentrum. Damit findet das Gedenken nicht mehr nur im Bunker, sondern auch im öffentlichen Raum statt.

Mehrsprachig und zeitgemäß

Ein wichtiger Bestandteil der Neukonzeption ist die mehrsprachige Gestaltung. Die Ausstellungstexte sind konsequent auf Deutsch und Englisch verfasst, Begleitmaterialien gibt es zusätzlich auf Französisch. Das ist auch ein Signal an die Nachkommen der Inhaftierten aus Luxemburg, Frankreich und Belgien.

Das Stadtarchiv arbeitete bei der Konzeption eng mit Heimatgemeinden der Verschleppten zusammen. Gleichzeitig wurden im Zuge der Arbeiten die Haustechnik modernisiert, Sanierungen durchgeführt und die Sicherheitsbeleuchtung im Bunker eingebaut.

Wiedereröffnung im Mai

Die neue Dauerausstellung wird mit einer Feierstunde am Dienstag, 12. Mai, offiziell eröffnet. Wegen des begrenzten Platzes ist die Teilnahme nur auf Einladung möglich. Ab Samstag, 16. Mai, ist die Gedenkstätte dann wieder regulär für Besucherinnen und Besucher geöffnet.

Geöffnet ist die Gedenkstätte weiterhin samstags von 14:00 bis 16:00 Uhr. Führungen für Gruppen können darüber hinaus auch an anderen Tagen vereinbart werden. Kontakt für Anfragen ist das Stadtarchiv Wiesbaden.

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InfoBox

Öffnungszeiten und Besichtigung

Kulturdezernent Dr. Hendrik Schmehl betont, dass das Gedenken nun endlich im öffentlichen Raum stattfindet. Während die offizielle Feierstunde am 12. Mai geladenen Gästen vorbehalten ist, steht die Gedenkstätte ab Samstag, 16. Mai, wieder allen Bürgern offen.

  • Reguläre Öffnungszeit: Immer samstags von 14:00 bis 16:00 Uhr.

  • Gruppenführungen: Können individuell über das Stadtarchiv per E-Mail stadtarchiv@wiesbaden.de vereinbart werden.

  • Ort: Gedenkstätte „Unter den Eichen“, Wiesbaden (ehemaliger Reitplatz).