Auszeichnung

Transatlantischer Denker erhält renommierten Plessner‑Preis 2026

Der fünfte Helmuth‑Plessner‑Preis der Stadt Wiesbaden geht an den amerikanischen Philosophen Jay M. Bernstein. Warum die Jury sich so eindeutig für ihn entschied und welche Bedeutung seine Arbeit für aktuelle Debatten hat, zeigt ein Blick auf seinen Wirken.

Von: |Erschienen am: 18. Februar 2026 18:36|

Foto: Jay M. Bernstein

Der Helmuth‑Plessner‑Preis der Landeshauptstadt Wiesbaden wird in diesem Jahr zum fünften Mal vergeben. Die Auszeichnung geht an den amerikanischen Philosophen und Vertreter der Kritischen Theorie Jay M. Bernstein.

Bedeutung des Preises

Helmuth Plessner, 1892 in Wiesbaden geboren, zählt bis heute zu den prägenden Denkern der Philosophischen Anthropologie und hat wichtige Impulse für Philosophie, Biologie und Soziologie gesetzt.

Der mit 20.000 Euro dotierte Preis wird alle drei Jahre von der Stadt Wiesbaden gemeinsam mit der Helmuth‑Plessner‑Gesellschaft an Persönlichkeiten verliehen, die sich in besonderer Weise mit Aspekten seines Werkes auseinandergesetzt haben.

Würdigung des Preisträgers

Jay M. Bernstein gilt seit vielen Jahren als einer der profundesten Kenner deutschsprachiger Philosophie in den USA. Er hat wesentlich dazu beigetragen, Plessners Denken international sichtbarer zu machen und dessen Relevanz für aktuelle Diskussionen in Philosophie und Soziologie herauszustellen.

Entscheidung des Kuratoriums

An der Sitzung des Preiskuratoriums wirkten Vertreter der Helmuth‑Plessner‑Gesellschaft sowie von der Stadt benannte Mitglieder mit. Auch Kulturdezernent Dr. Hendrik Schmehl (SPD) war beteiligt. „Es war eine interessante Sitzung, in der die Entscheidung für den Preisträger Jay M. Bernstein sehr deutlich ausfiel“, führt Kulturdezernent Dr. Hendrik Schmehl aus.

„Bernsteins Arbeiten fördern den transatlantischen Dialog, in dem Plessners Denken als wichtiger Beitrag zur Analyse moderner Gesellschaften neu erschlossen wird. Europa und Amerika verbindet eine lange gemeinsame Ideengeschichte – von der Aufklärung über kritische Gesellschaftstheorien bis hin zu gegenwärtigen Diskussionen“, so der Kulturdezernent, und betont weiter, „Gerade in diesen Zeiten ist es sehr erfreulich, dass der Preis an einen Amerikaner geht, der sich in seiner Forschung, Lehre und als Intellektueller ganz dieser transatlantischen Tradition verbunden fühlt.“

Begründung der Jury

Die Jury hebt hervor, dass Bernstein seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Vermittlern deutschsprachiger Philosophie in den USA zählt. Seine Kant‑ und Hegel‑Vorlesungen in New York gelten als legendär. Er veröffentlichte grundlegende Arbeiten zur klassischen und romantischen Ästhetik, zur Literaturphilosophie von Lukács bis Derrida, zur Ethik der Frankfurter Schule sowie zur Ästhetik Adornos und deren Bezug zur Musik des 20. Jahrhunderts.

Ein zentrales Interesse Bernsteins gilt der modernen Malerei und ihrem Verhältnis zu Körperdarstellungen in der Werbung. Seine ästhetischen Analysen verbinden idealistische Traditionen mit Fragen der leiblichen Existenz und der Materialität.

Plessner im Fokus

In den vergangenen Jahren hat Bernstein seine Beschäftigung mit Plessners Philosophischer Anthropologie intensiviert. In seinem Buch „Torture and Dignity“ arbeitet er mit Plessners Unterscheidung von Leib‑Sein und Körper‑Haben und entwickelt daraus ein differenziertes Verständnis von Würde sowie deren Verletzung durch Folter. Der Essay fand in Ethik und Politischer Philosophie große Resonanz.

Bernstein hat zudem maßgeblich dazu beigetragen, Plessners Werk im englischsprachigen Raum zu etablieren. 2019 erschien die englische Ausgabe von „Die Stufen des Organischen und der Mensch“ mit einer umfangreichen Einleitung Bernsteins. 2020 folgte eine neue englische Ausgabe von „Lachen und Weinen“, erstmals mit einem Vorwort des Preisträgers.

Akademischer Hintergrund

Bernstein ist Professor an der New School for Social Research in New York, einer Institution, die für die Aufnahme vieler Emigranten aus dem nationalsozialistischen Deutschland bekannt ist.

Plessner selbst war dort 1962 und 1963 erster Inhaber der Theodor‑Heuss‑Professur. Bernstein lehrte zuvor an der University of Essex und an der Vanderbilt University. Seine Promotion schloss er 1975 an der University of Edinburgh ab.

Aktuelle Arbeiten

Derzeit arbeitet  Jay M. Bernstein an einem Buch mit dem Titel „Earth Justice“. Darin untersucht er die ethischen Herausforderungen des Klimawandels und die Bedeutung des Anthropozäns für das Verständnis menschlichen Lebens. Er schreibt: „Das Anthropozän ist ein ethisches Ereignis; der Klimawandel hat der ökologischen Integrität der lebendigen Erde schweren Schaden zugefügt, und wir sind nun für ihr zukünftiges Wohlergehen, für ihre Wiederherstellung und Zukunftsfähigkeit verantwortlich.

Wir können nur dann Verantwortung gegenüber und für andere Menschen, einschließlich zukünftiger Generationen, übernehmen, wenn wir Prinzipien der „Erdgerechtigkeit“ anwenden, darunter eine internationale Ökozid-Konvention, die denselben Stellenwert wie die Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes hätte.“

Preisverleihung im September

Die feierliche Übergabe des Preises findet am Freitag, 4. September, im Rathaus statt. Begleitend sind ein Vortrag des Preisträgers sowie eine wissenschaftliche Tagung zu seinem Werk geplant.

Biografischer Hintergrund zu Helmuth Plessner

Plessner wurde 1892 in Wiesbaden geboren und verbrachte seine Jugend in der damaligen Weltkurstadt. Nach dem Abitur studierte er Zoologie und Philosophie in Heidelberg, anschließend Philosophie in Göttingen und Erlangen. 1920 habilitierte er sich und lehrte an der neu gegründeten Universität Köln.

1933 wurde er aufgrund der jüdischen Herkunft seines Vaters aus dem Hochschuldienst entlassen und ging ins Exil nach Groningen. Nach seiner Rückkehr 1949 wurde er in Göttingen zu einer prägenden Stimme der jungen Bundesrepublik. Sein Werk „Die Stufen des Organischen und der Mensch“ zählt zu den zentralen Texten der Philosophischen Anthropologie. Auch seine Studie „Grenzen der Gemeinschaft“ fand nach 1989 breite Aufmerksamkeit.

Bisherige Preisträger Helmuth‑Plessner‑Preis

• 2014: Prof. Dr. Michael Tomasello
• 2017: Prof. Dr. Peter Sloterdijk
• 2020: Prof. Dr. Onora O’Neill
• 2023: Prof. Dr. Gérard Raulet

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