Kulturelles Erbe

Theatergeschichte in Kisten: Dr Beilharz schenkt Stadt sein Lebenswerk

Über fünf Jahrzehnte prägte Dr. Manfred Beilharz Bühnen in ganz Deutschland und weit darüber hinaus. Nun wandert sein künstlerischer Vorlass, randvoll mit Erinnerungen, Dokumenten und besonderen Fundstücken, in die Obhut des Stadtarchivs Wiesbaden. Was sich in den mehr als dreißig Kisten verbirgt und warum dieser Schritt weit mehr ist als eine formale Übergabe, zeigt der Blick hinter die Kulissen.

Von: |Erschienen am: 22. Januar 2026 21:56|

Foto: Stadt Wiesbaden

Der langjährige Theaterleiter und Festivalmacher Dr. Manfred Beilharz hat seinen umfangreichen beruflichen Vorlass der Landeshauptstadt Wiesbaden überlassen.

Kulturdezernent und Stadtkämmerer Dr. Hendrik Schmehl (SPD) nahm die Schenkung am Donnerstag, 22. Januar, offiziell für das Stadtarchiv entgegen. Mehr als dreißig Kisten mit Dokumenten, Fotos und Erinnerungsstücken sollen in den kommenden Tagen aus dem Haus des 87-Jährigen abgeholt werden.

Übergabe im Kulturdezernat

Für die Vertragsunterzeichnung kam Dr. Beilharz persönlich ins Kulturdezernat am Schillerplatz. Dort würdigte Dr. Schmehl die Entscheidung des ehemaligen Intendanten: „Wir sind sehr dankbar, dass uns Dr. Beilharz dieses Geschenk macht und das Stadtarchiv Wiesbaden für die Aufbewahrung seines Vorlasses ausgewählt hat.“

Auch Stadtarchivleiter Dr. Peter Quadflieg zeigte sich erfreut über die künftige Erweiterung der Bestände. Beilharz nutzte den Moment, um auf seine lange und vielseitige Karriere zurückzublicken.

Ein Leben für das Theater

Die berufliche Laufbahn von Dr. Beilharz führte ihn durch zahlreiche Städte und Institutionen. Nach ersten Stationen in München wechselte er 1967 als Oberspielleiter und Chefdramaturg nach Castrop-Rauxel. Es folgten Intendanzen in Tübingen, Freiburg und Kassel.

Von 1991 bis 2002 prägte er die Theaterlandschaft in Bonn, zuletzt als Generalintendant der vereinigten Bühnen. „1993, 1996 und 1999 wurden unsere Bonner Theaterproduktionen zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen“, erinnerte er sich. 2002 übernahm er schließlich die Leitung des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, das er mehr als ein Jahrzehnt lang formte.

Prägende Jahre in Wiesbaden

In Wiesbaden setzte Beilharz zahlreiche Akzente, darunter die Fortführung der von ihm mitbegründeten Biennale „Neue Stücke aus Europa“. Seine Arbeit beschrieb er als Verbindung regionaler Verwurzelung mit internationaler Offenheit: „Meine Theaterarbeit ist geprägt von regionalen Aspekten, ästhetischen Herausforderungen, der Internationalität im eigenen Programm sowie durch teilweise neu gegründete Festivals und ist daher am Ende immer politisch.“

Auch sein Engagement im Internationalen Theaterinstitut der Unesco, dessen Weltpräsident er von 2002 bis 2008 war, unterstreicht diese Haltung.

Festivalgründer und Netzwerker

Neben seinen Intendanzen initiierte Beilharz zahlreiche Festivals, darunter das „Theaterfestival Freiburg“, „Spielräume“ zur documenta 8 und „Theater im Aufbruch“ zur Zeit der politischen Veränderungen in der Sowjetunion.

Zudem lehrte er an verschiedenen Hochschulen und wurde für sein Wirken vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande und dem Hessischen Verdienstorden.

Ein Vorlass mit internationaler Perspektive

Der nun übergebene Vorlass umfasst Materialien aus allen Schaffensphasen. „Materialien aus allen Stationen meines Schaffens, um so etwas wie eine geschlossene Künstler-Biografie herzustellen“, so beschreibt Beilharz selbst den Umfang.

Stadtarchivdirektor Quadflieg betonte den besonderen Wert der Sammlung: Sie dokumentiere nicht nur die Wiesbadener Jahre, sondern auch die internationale Ausrichtung einer außergewöhnlichen Theaterkarriere.

Ein besonderes Erinnerungsstück

Zur Vertragsunterzeichnung brachte Beilharz ein Schofar mit. Das ist ein israelisches Blasinstrument aus Antilopenhorn, das ihm von Hanna Munitz, der damaligen Intendantin der New Israeli Opera, geschenkt wurde.

Es erinnert an seine Inszenierung von Alban Bergs „Wozzeck“ in Tel Aviv im Jahr 2005. „Sie wurde zu einem riesigen Erfolg und das Stück wurde innerhalb von drei Wochen 14 Mal gespielt!“, berichtete Beilharz.

Dank und nachdenkliche Worte

„Es sind diese besonderen Erinnerungen und Eindrücke, die sich in den nun vom Stadtarchiv übernommenen Unterlagen manifestieren“, sagte Kulturdezernent Schmehl.

Zum Abschluss der kleinen Zeremonie fand Beilharz nachdenkliche Worte zur aktuellen weltpolitischen Lage: „Leider haben sich inzwischen in Russland, in Europa und in Israel, und nicht nur dort, die politischen Verhältnisse geändert. Es wäre an der Zeit, die Uhr zurückzudrehen und einen Neuanfang zu wagen.“ Wie ein solcher Neuanfang im kulturellen Austausch aussehen könnte, lässt sich künftig auch anhand der nun im Stadtarchiv gesicherten Materialien erforschen.

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