Stadtoriginal
Der letzte Vorhang für „Die Callas“: Günter Brühl ist verstorben
Wiesbaden wird ein Stück grauer: Ob auf dem Weinfest oder in den Gassen der Altstadt, als Maria-Callas-Imitator wurde Günter Brühl zur Kultfigur. Jetzt ist diese besondere Persönlichkeit im Alter von 82 Jahren verstorben. Mit ihm geht nicht nur eines der letzten Originale der Stadt, sondern ein Stück Wiesbaden.
Fotos: privat
Sein Revier war das legendäre Wiesbadener „Bermudadreieck“, jenes Gebiet in der Wiesbadener Innenstadt zwischen Nerostraße, Taunusstraße, Schwalbacher Straße und den verwinkelten Gassen der Altstadt. Für viele jüngere Wiesbadener heute kaum vorstellbar: In diesem Ausgehviertel, das von den 1960er bis in die 1990er Jahre das Herz des Nachtlebens bildete, konnte man aufgrund der hohen Dichte an Bars und Clubs sprichwörtlich „verschollen“ gehen.
Überall dort, wo „Die Callas“ auftauchte, wurde der Ort zur Bühne: Ob in der heute geschlossenen Weinstube Caspari, spontan im „Eimer“ oder als strahlender Mittelpunkt auf dem Weinfest. Mit einer Mischung aus tiefer Verehrung für die echte Maria Callas und einer kräftigen Prise humorvoller Travestie zog er die Menschen in seinen Bann.
Kultfigur mit Herz und hessischer Schnauze
Es war dieser ganz besondere Kontrast, der ihn so liebenswert machte: Auf der einen Seite die dramatische Mimik einer Welt-Diva, auf der anderen Seite der hessische Dialekt und die flotten Sprüche eines Künstlers, der sein Wiesbaden durch und durch kannte. Günter Brühl war eine Diva zum Anfassen, nahbar, herzlich und immer für ein spontanes Liedchen zu haben.
Kein Mann war vor seinem musikalischen Urteil sicher: Erregte ein Gast die Aufmerksamkeit der Callas, sei es durch stattliches Aussehen oder eher fragwürdiges Benehmen, denn stimmte Günter Brühl mit Freude sein obligatorisches ‚So ein Mann, so ein Mann, zieht mich unwahrscheinlich an…‘ an, wobei das Publikum oft erst beim zweiten Hinsehen begriff, ob der Schlager gerade als Kompliment oder Ironie durch das Lokal schallte.
Ein Symbol für Freiheit und Lebensfreude
Lange vor der Debatte um Diversität wurde diese in Wiesbaden durch die ‚Callas‘ bereits praktiziert. Günter Brühl und seine Mitmenschen machten kein großes Aufheben darum. Sie feierten die Vielfalt ganz einfach auf natürliche Weise.
Er brachte Glanz und eine Prise Extravaganz in die oft so bürgerliche Kurstadt. Er zeigte uns, dass man gleichzeitig ein „Bierstadter Bub“ und eine Travesti-Opernikone sein kann. Mit einer Prise Frivolität und einem unnachahmlichen Gespür für Situationskomik trieb er sein Publikum regelmäßig die Lachtränen in die Augen. Doch so schlagfertig und zweideutig seine Pointen auch waren, die Etikette einer echten Diva wahrte er dabei stets.
Wiesbadens Herzens-Diva
Wenn man in Social Media Kanälen nach alten Kommentaren zur Callas stöbert, dann wird deutlich wie sehr die Wiesbadener ihn in ihr Herz geschlossen haben und wie viel Günter Brühl der Stadt und seinen Bürgern geschenkt hat:
„Unsere Callas hat Wiesbaden den besonderen Charme gegeben. Tolle Zeit war das!“
„Ihre Auftritte waren legendär. Unvergessen ihre Zivilcourage, als sie mal vor dem Jazzhaus einige Rocker in die Schranken wies. Das ist jetzt über 50 Jahre her.“
„Ein ganz feiner Mensch“
„Fasching in der Rose in Bierstadt.Wenn sie „weiße Rosen aus Athen“ schmetterte und der Saalbau kochte am Rosenmontag. Super Stimmung! Sensationelles Schauspiel! Unvergessen! Vielen Dank!
„Eine absolute Legende!“
„Mit der Callas kam Stimmung auf, sobald er das Lokal betrat“
„Ach, DIE CALLAS, so ein lieber und lustiger, aber auch sehr gefühlvoller und tiefsinniger Mensch!“
„Ihr legendärer Satz: „Ei isch bin beim CanCan mit de Pömps ausgerutscht“
„Wahnsinn….Ich erinnere mich an unvergessliche Abende im Eimer….und die Bühne vor der Marktkirche auf dem Weinfest am letzten Abend nach 22 Uhr gehörte der Callas…Das war toll…!!!“
Letzten Jahre in Ruhe
Zwar sah man ihn in den letzten Jahren seltener im vollen Kostüm, doch der Schalk in seinen Augen und die Leidenschaft für den Gesang blieben ihm bis zuletzt erhalten. Wenn er im hohen Alter noch einmal zum Mikrofon griff oder in geselliger Runde anstimmte, wehte jedes Mal ein Hauch jener wilden, unbeschwerten Jahre durch den Raum, in denen die Nächte in der Goldgasse niemals endeten.
Nach einem Oberschenkelhalsbruch lebte Günter Brühl ein ruhigeres Leben in einem Seniorneheim. Freunde hielten den Kontakt bis zuletzt aufrecht.
Ein letzter Applaus
Wiesbaden wird ein Stück grauer ohne seine „Callas“. Günter Brühl war ein Unikat, ein Mutmacher und ein echtes Stück Wiesbadener Seele. Der letzte Vorhang ist gefallen, doch der Applaus der Wiesbadener wird noch lange in den Gassen der Altstadt nachhallen. Günter Brühl hat sein Kostüm gegen die Ewigkeit getauscht. Aber seinen Platz in den Herzen derer, die mit ihm gelacht haben, wird er behalten.
Ruhe in Frieden, lieber Günter. Danke für die Show, danke für das Lachen. Ein letzter, donnernder Applaus für dich!
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