Tag des Gedenkens

Wie der Nationalsozialismus die Oper verstummen ließ

Wiesbaden lädt rund um den 27. Januar zu einer umfangreichen Reihe ein, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert und zugleich den Blick auf verdrängte Kunst, Biografien und historische Verantwortung richtet. Vorträge, Filme, Rundgänge und Konzerte beleuchten unterschiedliche Perspektiven und zeigen, wie lebendig Erinnerungskultur heute sein kann.

Von: |Erschienen am: 7. Januar 2026 16:14|

Weltweit gilt der 27. Januar als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Das Datum markiert die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee im Jahr 1945.

Seit 1998 widmet sich Wiesbaden mit der Veranstaltungsreihe „Erinnern an die Opfer“ der Auseinandersetzung mit den Verbrechen des NS-Regimes. Die zentrale städtische Gedenkfeier findet am Dienstag, 27. Januar, um 19:00 Uhr im Kulturforum statt. Dort sprechen Stadtverordnetenvorsteher Dr. Gerhard Obermayr und Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende.

Gedenkkonzert zu verbotener Musik

Im Anschluss gestalten Studenten der Wiesbadener Musikakademie ein Konzert, das sich mit Werken von Künstlern befasst, die während der NS-Zeit aus den Konzertsälen verbannt wurden.

Als „entartet“ diffamierte das Regime Kunstformen und Strömungen, die nicht der eigenen Ideologie entsprachen. Auch Kompositionen jüdischer Musiker wurden verboten und aus dem kulturellen Leben gedrängt.

Systematische Ausgrenzung von Kunstschaffenden

Kulturdezernent Dr. Hendrik Schmehl (SPD) erinnert an die systematische Ausgrenzung: „Mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 wurden alle unerwünschten Künstlerinnen und Künstler gewaltsam aus öffentlichen Ämtern entfernt.

Dazu zählten Jüdinnen und Juden ebenso wie politische Gegnerinnen und Gegner der Nationalsozialisten. Sie wurden mit Berufsverboten belegt.“

Verbotene Werke und zerstörte Kunstlandschaft

Er betont weiter: „Diese Vernichtung von Kunst und Kultur betraf alle Sparten, auch Film, Theater, Architektur, Literatur und Musik. Ab 1938 wurden international bekannte Kompositionen nicht mehr gespielt, weil ihre Schöpferinnen und Schöpfer als sogenannte Musikbolschewisten diffamiert wurden. Das NS-Regime gab sogar ein ‚Lexikon der Juden in der Musik‘ heraus, das alle Personen aufführte, die mit Musik in Verbindung standen und als Jüdinnen und Juden galten. Ihre Werke durften nicht mehr aufgeführt werden. Vertreterinnen und Vertreter sogenannter entarteter Kunst wurden in die Emigration gezwungen oder ermordet. Damit verbannte das NS-Regime viele Künstlerinnen und Künstler, die nachhaltig aus dem kollektiven Gedächtnis verschwanden.“

Schmehl unterstreicht: „Umso wichtiger ist es, an sie, das an ihnen verübte Unrecht und die reichhaltige Kunstszene vor 1933 zu erinnern. Denn Kultur ist als Raum für kritischen Diskurs ganz entscheidend für eine lebendige, demokratische Gesellschaft.“

Breites Bündnis trägt die Gedenkveranstaltungen

Die Reihe wird gemeinsam vom Kulturamt sowie zahlreichen Wiesbadener Institutionen und Vereinen gestaltet, die in der historischen Bildungsarbeit aktiv sind. Neu ist in diesem Jahr, dass einzelne Angebote bereits vor dem offiziellen Auftakt stattfinden oder auf Anfrage gebucht werden können.

So zeigt das DGB-Bildungswerk Hessen im Rathausfoyer die Ausstellung „Rechter Terror in Hessen“, gefördert von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung.

Vorträge, Filme und Diskussionen

Der erste Programmpunkt am Montag, 19. Januar, ist der Vortrag „Aber Meine sind nicht da – ich bin allein“ von Christina Wirth in der Jüdischen Gemeinde. Sie stellt das Leben von Anna Kaletska vor, die Auschwitz überlebte und 1945 im Außenlager Lippstadt II befreit wurde.

Am Mittwoch, 21. Januar, zeigt das Murnau-Filmtheater gemeinsam mit dem Aktiven Museum Spiegelgasse einen Film über jüdischen Alltag in der NS-Zeit. Weitere Filme zu Antisemitismus und Erinnerungskultur folgen am 23. Januar und 8. Februar. Das Evangelische Dekanat widmet sich am 22. Januar in einem Vortrag mit Diskussion der Frage, wie evangelische Kirchen heute mit belasteter Kunst umgehen.

Gedenkkonzerte, Rundgänge und digitale Formate

Traditionell lädt die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit am Sonntag vor dem Gedenktag zu einem Konzert ins Rathaus ein. Am folgenden Abend veranstaltet Spiegelbild – Politische Bildung aus Wiesbaden eine digitale Podiumsdiskussion zur Geschichte der Behindertenfeindlichkeit in der Sozialen Arbeit.

Zwischen dem 27. Januar und dem 1. Februar bietet das „sam – Stadtmuseum am Markt“ erinnerungskulturelle Rundgänge an. Am 28. Januar führt KI:Wi – Kritische Intervention Wiesbaden durch die Innenstadt und macht Orte sichtbar, die an die Jahre 1933 bis 1945 und deren Folgen erinnern.

Kulturprogramm zu NS-Verfolgung und Erinnerung

Das Staatstheater Wiesbaden widmet sich am 30. und 31. Januar dem Komponisten Heinz Lewin mit Lesung, Theater, Film und Musik. Am 2. Februar spricht Dr. Rolf Faber über das Schicksal des Wiesbadener Richters Dr. Wilhelm Dreyer. Am 3. Februar erläutern Miriam Olivia Merz und Dr. Simone Husemann die Entstehungsgeschichte des Gemäldes „Der Gang nach Bethlehem“ von Fritz von Uhde.

Die Geschichtswerkstatt Lila Winkel und das Stadtarchiv Wiesbaden beleuchten am 5. Februar den Widerstand von Angehörigen der Zeugen Jehovas, die Juden halfen. Ab dem 11. Februar zeigt das Kunsthaus die Ausstellung „Rosa Winkel“ der Gedenkstätte Buchenwald, die Biografien homosexuell verfolgter Häftlinge aus Buchenwald und Mittelbau-Dora dokumentiert. Die Schau läuft bis zum 19. April.

Abschlussabend in der Jüdischen Gemeinde

Den Schlusspunkt setzt erneut eine Veranstaltung in der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden. Hartmut Boger und Elke Weber-Boger widmen einen Abend der Dichterin Masha Kaléko. Vortrag, Lesung und Gespräch werden von Werken jüdischer Komponisten begleitet.

Das vollständige Programm zum Tag des Gedenkens steht hier zum Download bereit.

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